Montag, 8. August 2016

Kilometer 16.057 - 16.436 - Rügen und Mecklenburg Tag 1


„Ich wollte immer eine schöne Bikerin sein.“ Mit verzweifeltem Lächeln stehe ich endlich vor meiner Freundin. „Du siehst wundervoll aus!“ kontert sie und lacht schallend über ihren eigenen Witz. Die Anreise in Richtung Rügen war bis Rostock ganz unspektakulär. Ich war um kurz vor halb sieben aufgebrochen, angenehm warm gekleidet und es ging gut voran. Dann zogen tiefhängende Wolken auf und die Straße war teilweise nass. Es musste vor einer Weile geregnet haben, die Verdunstungskälte war deutlich spürbar. Immer wieder ist es diese fiese feuchtkalte Nebelluft, die mir auf dem Motorrad zu schaffen macht. Egal, ich rollte voran und wollte schnell ankommen. Nach der Autobahn gelangte ich auf den Rügenzubringer und es fing an zu regnen. Der gesamte Verkehr verlangsamte sich auf 80 und schließlich auf 70km/h. Vor mir fuhr ein Wohnmobil, hinter mir ein VW-Bus. Der Abstand war so groß, dass ich nicht bedrängt wurde und klein genug, dass sich niemand dazwischen setzen konnte. Ich fühlte mich gut geschützt und vom nachfolgenden Verkehr abgeschirmt. Mit Bulli-Reisenden habe ich schon viele gute Erfahrungen gemacht. Ich trug meine Textil-Hose und meine Lederjacke. Dank „Blauer Dose“ perlte der Regen auch von dieser ganz gut ab. Aber dem dann einsetzenden Hagel konnte sie nicht mehr standhalten. Schweren Herzens verließ ich meinen Platz in der Kolonne und nahm die nächste Nothaltebucht. Meine regenfeste Textiljacke kann ich immer mit einem Griff aus der Tasche ziehen. Als ich jedoch den Helm abnahm und mich zur Packtasche bückte, war ich binnen 2 Sekunden komplett geduscht. Kurzerhand zog ich einfach beide Jacken übereinander und wegen der schlechten Sicht nahm ich auch noch meine gelbe Weste dazu. Als ich die Rügenbrücke passierte, spiegelte ich mich in der transparenten Kunststoff-Wand. Ich sah einen leuchten Klops auf einem Nichts. Meine mausgraue Vulcan 900 verschwand in der Kulisse aus Regen und Asphalt wie ein Gepard in der Savanne.

Bei meiner Freundin angekommen nahm ich den Helm von den nassen Haaren und setzte meine Mütze auf. Anschließend pulte mich aus drei meiner fünf Schichten Kleidung. In meinem Gesicht verteilte sich die schwarze Farbe, die meine Handschuhe hinterließen, als ich mir das Wasser aus den Augen wischen wollte. Annika wollte immer eine schöne Mutter sein. Und wo ich sie so betrachte muss ich schmunzeln. Sie trägt Laufschuhe und Reste von Milch und Brei kleben an T-Shirt und Hose. Sie ist einer der schönsten Menschen, die ich kenne, auch wenn sie sich gerade so nicht fühlt. Insgeheim hoffe ich, dass es umgekehrt auch ein bisschen so ist.

Ich nehme meiner Freundin das Kind ab, wir trinken Kaffee im Café und plaudern. Amalia ist schon mit 10 Monaten eine passionierte Bikerin. Wenn sie groß ist, werde ich sie fragen, ob ich die Bilder veröffentlichen darf, die sie auf meiner PJV zeigen. Ich sage Euch, sie ist obercool. Vermutlich werden wir noch viel Spaß haben, wenn sie nur mit den Zehen an die Fußrasten kommt. Aber ich habe auch jetzt schon Spaß mit ihr. Leider trage ich heute meine Lederhose nicht, an der sie so gern riecht. Ich kann das verstehen. In meiner Jugend hatte ich einen Motorrad fahrenden Freund und seine schwere nach altem Leder riechende Jacke war mein liebstes Schnuffeltuch. Wahrscheinlich wird Amalia sich mal in einen Biker verlieben, oder in eine Bikerin.
Das kleine Fischrestaurant
Lecker!!
Wir hocken zwei Stunden zusammen, als Annika nach Rostock aufbrechen muss. Ich will meinen Campingplatz aufsuchen und dann bei hoffentlich besserem Wetter die Insel ansehen. So richtig können wir uns nicht trennen und beschließen, noch zusammen Mittag zu essen. Da meine Freundin eine Native-Insulanerin ist (inzwischen lebt sie in Hamburg), kennt sie ein ganz wundervolles kleines Fischrestaurant, wo wir uns frische Bratheringe schmecken lassen. Ich berichte von meinen Reiseplänen für 2017 und sie von ihrer Kindheit auf Rügen. Schließlich müssen wir uns doch verabschieden. Ich steuere den Campingplatz an, den ich im Internet ausgewählt hatte. Sowohl die Homepage, als auch meine Auskenner-Freundin weisen darauf hin, dass der nächste Supermarkt mindestens 15km entfernt ist. Ich beschließe, mein Zelt aufzubauen, mein Gepäck dort zu lassen und mich dann noch einmal auf Erkundungstour zu begeben. Für den Abend werde ich dann einkaufen und den Samstag mit kleinen Leckereien und vielleicht sogar einem Gläschen Wein ausklingen lassen.

Auf dem Weg zum Dorf Zicker im Südosten der Insel werde ich noch einmal richtig nass. Vor meinem inneren Auge tun sich Horrorszenarien auf. Was ist, wenn der „Naturcampingplatz Pritzwald“ sich als ein Terrain entpuppt, das dem Festivalgelände von Wacken ähnelt? Zum Glück versichert mir die Beschilderung, dass der Plattenweg im Wald mich an mein Ziel bringen wird. Ich denke an Tom aus R., für den diese Piste nur die Einstimmung auf einen gelungenen Ausflug wäre. Mein tapferes Pony kämpft sich eifrig voran und schließlich erreichen wir um kurz nach vier Uhr einen schönen Campingplatz im Nadelgehölz mit Sicht auf den Bodden. Ich checke ein und suche mir ein freies Fleckchen unter mehreren Bäumen. Der sandige Waldboden ist trocken und weich und ich baue begeistert mein kleines Zelt auf. Vor 23 Jahren hatte ich es in England gekauft. In der 11. Klasse war ich zur Projektreise im Dartmoor und hatte mir für diesen Trip ein Zelt von einer Freundin geliehen. Vor Ort angekommen, zog ich es aus seiner Hülle und fand einen komplett verschimmelten Stofffetzen vor. Wohl dem, der prüft, was er sich leiht. Jedenfalls musste ich mir dann in einem Outdoorladen in Exeter ein neues Heim besorgen, welches für Wanderungen angemessen klein und für südenglische Verhältnisse von ausreichender Wetterfestigkeit sein sollte. 400 DM kostete das gute Stück, was für mich als Schülerin ein Vermögen war. Gut dass ich immer viel gejobbt habe, so konnte ich das Geld bei meinem Vater schnell abstottern. Die große Investition hat sich 100fach rentiert. Inzwischen ist das Alter aber nicht mehr zu verheimlichen. Die Beschichtung der Nähte löst sich auf, von Wasserfestigkeit kann keine Rede mehr sein. Ich packe all mein Hab und Gut in meine Ortlieb-Tasche und denke an die vielen Reisen zurück, die ich mit dem Zelt unternommen habe. Als ich die Augen aufschlage, ist es nach halb acht. Oh je, ich muss 2 Stunden geschlafen haben! Für den Supermarkt ist es nun zu spät. Der kleine Kiosk an der Rezeption ist auch geschlossen. Gut dass ich noch 2 Bananen habe. Die stopfe ich dann auch sofort in mich rein und hake das Abendessen damit ab. Dazu trinke ich die Hälfte des Tees von heute Morgen und behalte den Rest für morgen früh.

Am Eingang will ich mir Duschmarken besorgen. Ich sehe immer noch aus, wie jemand, der seine nassen Haare abwechselnd unter einem Helm und einer Mütze getrocknet hat. Wenn schon hungrig, dann wenigstens gepflegt, denke ich mir. Doch der Herr an der Schranke muss mich enttäuschen: Es gibt gerade keine Duschmarken, die sind alle vergeben. Schließlich wäre es schon fast 20 Uhr. Und jetzt würde er auch nicht zu den Waschräumen gehen, um eine Marke aus den Kästen zu holen, das lohne sich nicht, ich solle morgen früh wieder kommen, so kurz nach 7 Uhr. Mhm. Haben Sie vielleicht noch Getränke im Verkauf? Nein, nur Bierchen, das ist das einzige, was um diese Uhrzeit noch geht. Bier mag ich nicht. Also gehe ich unverrichteter Dinge zurück zum Zelt. Tjoa. Was mache ich nun, mit dem angebrochenen Abend?

Der freundliche Stein
Bester Plan: Ich gehe an den Strand! Das Meer tröstet immer. Auch heute. Ich genieße den algigen Duft des Wassers, den leichten Wind und den Sand unter den Füßen. Die Dauercamper, die die vorderste Reihe am Platz einnehmen, haben auch an der Düne ihre kleinen Parzellen markiert. Nachbarn stehen zusammen am Feuer und erzählen von ihren Erlebnissen des Tages. Eine Familie backt Stockbrot mit den Kindern. Ein junges Paar sitzt aneinander gekuschelt im Gras. Die frische Liebe ist fast aufdringlich spürbar. Im Wasser spielen ein Junge und ein Mädchen „Liederraten unter Wasser“ einer blubbert eine Melodie, der andere rät das Lied und schließlich „singen“ sie beide zusammen. Ganz am Ende des Strandabschnitts sitzt ein weiteres Paar, das einen kleinen Jungen beim Spiel am Wasser beobachtet. Von dieser Familie geht große Vertrautheit aus. Ich hocke mich in die Düne und blicke auf das Wasser. Urlaub und Ferien sind immer eine besondere Zeit. Eine Zeit des Loslassens vom Alltag. Der Erholung und der Besinnung. Jeder macht das auf seine Weise, doch alle suchen irgendwie einen Weg, aus der Routine der „Beschaffung und Befriedigung“. Manche Paare verstehen sich nur im Urlaub gut. Außerhalb des Alltags verlieben sie sich in das aufregend Andere. Das Fremde schürt den Zusammenhalt. Zurück zu Hause nerven die Gewohnheiten. Andere Paare stellen auf Reisen erst fest, wie wenig sie gemeinsam haben. Die Vertrautheit zwischen Partnern ist in Wahrheit das Vertrauen zur wöchentlichen Routine. Gerät die durch erzwungene Unternehmungslust ins Wanken, ist auch die Partnerschaft aus den Fugen. Manche Familien verlegen einfach ihr Leben Daheim an einen anderen Ort. Das sind dann Alibi-Ferien, Alltag in fremder Kulisse. Wer von diesen Familien am Bodden wohl sein optimales Gleichgewicht gefunden hat?
Gedankenverloren kehre ich mit den letzten Sonnenstrahlen zum meinem Zeltplatz zurück. Die PJV an meiner Seite, mein altes Zelt als Heim für die Nacht, meine Lederjacke als Kopfkissen und das Halstuch, das meine Schwester mir kürzlich schenkte, als Schnuffeltuch. Von vertrauten Dingen umgeben lausche ich heute Abend nicht meinem üblichen Hörbuch, sondern den leisen Stimmen und dem abendlichen Treiben der fremden Nachbarn. Wie gewohnt schlafe ich darüber ein. Schade, dass ich nicht zurück spulen und die verpassten Passagen morgen noch einmal hören kann.









Familie




Kommentare:

  1. Hachmach ... *seufz* ... Schön, schön, schön ... trotz Pleiten Pech und ... zum Glück keinen Pannen :-)

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    1. Ja, das war insgesamt ein tolles Wochenende! Rügen ist immer eine Reise wert. :-)

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  2. Sehr schöne Eindrücke und Erlebnisse , trotz regen eine super Tour , es liest sich wie von Profi Hand geschrieben , danke für das teilhaben dürfen an deinen Touren und Erlebnissen .

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    1. Ich befürchte, der Regen wird uns nun den Rest der Saison begleiten. Trotzdem hoffe ich noch weiter auf einen schönen Sommer mit warmen Tagen.... Hoffnung stirbt zuletzt oder so. Seufz....

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  3. Aber Hallo...wenn dieser Sommer sich dieses Jahr gehen lässt, ist das die Chance des Herbstes. Der wird sonst immer in 2. Reihe genannt...
    Schöner Reisebericht und tolle Eindrücke von Rügen. Und es gibt kein Schlechtes Wetter, nur bla,bla,bla...
    Bei meiner Dolo Tour letzten Monat nervte das Wasser genauso. Shit happens, und biken entspannt...
    Gruß

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    1. Stimmt, das hatte ich bei Dir gelesen. Du hattest auch Pech :-P

      Ich habe ganz gute Klamotten, die mich auch trocken halten. Aber feuchte Luft kriecht irgendwie überall rein (kann mich ja nicht mir Silikon abdichten) und Platzregen mit Hagel... Hm.... :-)

      Mein Sonntag war dafür fantastisch. Das werdet Ihr dann ja auch in Kürze erfahren!

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  4. Super. Polly mit Zelt auf Achse! Ich hoffe das Wetter wurde die nächsten Tage etwas besser. Und Duschen nur mit Marke? Schon lange nicht mehr erlebt.

    Gruss aus R,
    Tom

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    1. Ich auch nicht.... Das Erlebnis "Dusche" blieb dann auch aus... aber davon mehr im 2. Teil ;-)

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  5. Ich habe jetzt gerade virtuell mit Dir am Strand gesessen, Leute beobachtet, Seeluft getankt und Gedanken nachgehangen.

    Lieder unter Wasser blubbern... das habe ich früher immer mit meinem Bruder gemacht ;-)

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    1. Ich hatte auch die ganze Zeit an Dich gedacht und mich gefragt, ob Du wohl Rügen kennst.

      Die Kinder waren bestimmt auch Geschwister. Es sind die, die ich auf der kleinen Sandinsel abgelichtet habe. Das Mädchen wirft voller Freude die Arme in die Luft. Die beiden hätte ich noch Stunden betrachten können. So viel unbekümmerte Lebensfreude!

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