Donnerstag, 3. August 2017

Biking & Hiking - 6. Kapitel: Die Steinreihen von Carnac und andere Wesen


Mein innerer Rechner ist eine alte Kiste. Aber eine Zuverlässige. Ich brauche am Morgen genau eine Stunde, um alle Programme hoch zu fahren. Die Vorgänge sind immer die Gleichen. Ich höre Radio, schlummere immer wieder ein, schalte mehrere Wecker aus und stehe schließlich in letzter Minute auf. Lieber verzichte ich auf das Frühstück, als diese Rituale abbrechen zu müssen. Zu Hause muss ich nebenbei noch zwei hungrige Katzen davon abhalten, mir von der Fensterbank aus auf dem Bauch zu springen oder die Tapeten von der Wand zu kratzen. Hier im Hotel f1 ist es dunkel und still. Die Einrichtung ist mir so vertraut, dass ich einen Moment lang dachte, ich sei in Lille, wo ich auf dem Weg zum Wikinger immer anhalte. Aber nein, ich bin ja in der Bretagne! Aufgeregt stehe ich auf und lasse das Rollo hoch. Der Himmel ist zwar wolkenverhangen, aber es sieht trocken aus. Es ist 7 Uhr. Schnell ziehe mir etwas über und gehe in den Frühstücksbereich. Hier gibt es Brioche, Baguette, Confiture, Nussnougatcreme und Compot. Ich nehme von allem ein bisschen, trinke Tee und checke das Wetter. Ab 10 Uhr soll es sonnig sein. Das kommt mir sehr gelegen. 

Ich räume mein kleines Zimmer auf, packe meinen Rucksack und mache mich auf den Weg in eine Stadt in der ich vor 27 Jahren zuletzt war. Ich erinnere mich sehr an ein Foto, das hier damals von mir geschossen wurde. 14jahrig, mit langen gelockten Haaren und Zahnspange sitze ich auf einem großen Stein und grinse. Damals hatte ich mich in dieses Land verliebt. In die Bretagne und die keltische Mythologie, in die Felsen und das raue Meer. Ich war zum Schüleraustausch hier. Die Sehnsucht ist geblieben. Doch die Rückkehr wird erst heute sein. Von allem Gepäck entlastet fallen wir in einen gemächlichen Galopp. Endlich lasse ich mich auf kleinen Landstraßen treiben, so hatte ich mir den Weg durch Frankreich eigentlich gewünscht. Die ersten Sonnenstrahlen blitzen zwischen den Bäumen hervor. Übermütig beschleunige ich auf dem trockenen Asphalt und schwinge lustvoll die Kurven im Kreisverkehr. Nach einer Dreiviertelstunde erreiche ich Carnac und steuere zuerst das Office de Tourisme an. Hier decke ich mich mit Wanderkarten ein, bevor ich die Alignements de Carnac aufsuche. Um 10 Uhr öffnet das Informationszentrum. Als ich eine Viertelstunde vorher auf den Parkplatz rolle, sind erst wenige Menschen zu sehen. Ich verschwinde im Toilettenhäuschen, welches formidable geputzt ist. Schnell tausche ich meine Motorradklamotten gegen eine kurze Hose und ein leichtes Hemd. Dann verstaue ich Jacke und Lederhose in den Packtaschen der PJV und schließe den Helm am Sturzbügel fest. Als ich das Informationszentrum betrete, lächelt mich ein sportlich aussehender Bretone an. "Bonjour Monsieur",strahle ich ihn auf meinen Wanderstock gestützt an, "Ich möchte gern die Megalithen sehen." Er schmunzelt. "Kennen Sie unser Terrain?" "Nein, ich war vor 27 Jahren zuletzt hier." Er nickt. Es hätte sich viel verändert, meint er. Die Touristen hätten so viel Schaden angerichtet, dass man Schutzmaßnahmen ergreifen müsste. Die Menhire wären nun eingezäunt und das Gelände könne von April bis September nur noch im Rahmen einer Führung betreten werden. Ich starre ihn enttäuscht an. Die Führung fände zweimal täglich, erstmals um 11 Uhr, statt und dauere ca 1,5 Stunden. In meinem nachdenklichen Blick erkennt er, dass ich nicht glücklicher bin, als 8 Sekunden zuvor. Ich wollte den ganzen Tag hier verbringen. Mit den Steinen sein, die irgendjemand hier 4500 Jahre vor unserer Zeitrechnung aufgestellt hat. Erfühlen, was sich jemand denkt, der so etwas tut. Erfahren, was die Kelten später veranlasst hat, hier ihre Kultstätten zu bestimmen. Aber ich wollte nicht in einer Gruppe von 50 Menschen einem Vortrag lauschen und dann vom Acker gescheucht werden. Der freundliche Bretone betrachtet mich. „Sie können zu Fuß zu den einzelnen Steinfeldern gehen. Das ist ein Rundweg von 4 Kilometern.“ Ich schaue auf. Lächelnd händigt er mir eine kleine Karte aus, und beschreibt mir den Weg. Ich ziehe das Blatt hervor, das ich im Office de Tourisme bekam. Gemeinsam vergleichen wir die eingezeichneten Routen und stellen so eine Tagestour für mich zusammen, in der ich sicherlich in meinen Wünschen nicht zu kurz kommen würde. Der Monsieur schaut zwar noch etwas ungläubig, weil wir am Ende auf 14 Kilometer kommen, aber ich versichere ihm, dass ich das schaffen werde. Wir verabschieden uns und ich laufe los.


Mein christlicher Pilgerpartner auf heidnischen Spuren.





Tatsächlich mutet es seltsam an, die großen Findlinge hinter dem Zaun zu betrachten. Steine im Zoogehege. Wie gern würde ich neben den exakten Reihen laufen und zwischen den Steinen ruhen. Doch ich verstehe schon, dass die touristischen Trampelpfade die Vegetation und damit auch die Stabilität der Anlage vernichten würden. So folge ich dem Wanderweg und fühle mich von den großen Brocken beobachtet. Tatsächlich entdecke ich in den Furchen und Ritzen des Granits die Gesichter alter Menschen und mystischer Gestalten. Sie zwinkern mir im Vorbeigehen zu. 
Einer der schmunzelt.

Einer spricht zu seinem Tier.
















Je weiter ich laufe, desto weniger Besucher begegnen mir. Ich pausiere an einem Steinkreis, genieße ein kleines Wäldchen und erreiche schließlich den Géant. Den Riesen. Er ist ein richtiger Star zum Anfassen. Seine Fans lassen sich mit ihm ablichten, wie es die Besucher bei Hagenbeck’s Tierpark es mit dem Walross Antje zu tun pflegten. Antje lebt leider nicht mehr, der Géant wird aber wohl noch ein paar Jahrtausende durchhalten. Wahnsinn, was diese Steine schon alles erlebt haben müssen. Und was sie wohl noch erleben werden? Werden sie sich irgendwann von der längst ausgestorbenen Spezies Mensch erzählen, die ein paar Jahre auf der Erde wohnte, dann aber ausstarb, weil die Anpassungsfähigkeit nur begrenzt war?



Nehmen Sie Rücksicht auf die heiligen Orte. Danke im Namen des "Wald-Spirits"
Le Géant et moi.

Ich hänge meinen Gedanken nach, als ich am Ende des Pfades eine kleine Straße überquere. Links entdecke ich einen kleinen See mit einem steinernen Häuschen. Der Tümpel ist so veralgt und voller Entengrütze, dass er ganz gruselig wirkt. Als ich mich an sein Ufer hocke, fürchte ich, dass eine Hand nach mir greifen würde. Auch das Häuschen ist voller Moos. Ich traue mich nicht, zwischen die Mauern zu steigen. Dieser Ort ist definitiv ein Übergang in die Feenwelt. Ich lache über mich selbst. Eigentlich wäre es doch Ziel meiner lebenslangen Reise, genau dort endlich anzukommen. Wenn ich diesen Schritt jetzt ginge, wäre es soweit. Wer in die Anderswelt gerät, wird von Feen empfangen und umsorgt. Die Zeit dort drüben tickt nach anderen Uhren und nicht selten kehren die Menschen nach kurzer Zeit zurück und stellen fest, dass in ihrer eigenen Welt bereits mehrere Jahrzehnte vergangen sind. Ich denke an meinen Vater. An meine Familie, an O., Arne und PS, an meine Freunde und Freundinnen und die Menschen mit denen ich täglich eng zusammen arbeite. Denen hätte ich Bescheid sagen müssen, wenn ich länger wegbliebe. Ich glaube, die könnten es besser verkraften, mich tot von der Autobahn zu kratzen, als mich vermisst zu glauben und nicht zu wissen, ob ich noch lebe und mich vielleicht irgendwo quäle. Der Kummer, den ich ihnen damit brächte, täte mir schrecklich leid und so steige ich nicht von der kleinen Mauer in den Brunnen. Wie lange habe ich nach dieser Chance gesucht. Und nun, wo ich einen so harten Weg zurückgelegt habe, ist es plötzlich nicht mehr wichtig genug. Die Menschen, die mich auf dieser Suche begleitet haben, sind mir wichtiger geworden, als das Ziel an sich.

Der Feenbrunnen

Der Feensee.
Nachdenklich gehe ich weiter. Plötzlich nehme ich ein sanftes Schaben wahr und blicke auf. Links steht großes Steinhaus und davor ein Mann, der sich augenscheinlich an einer Skulptur zu schaffen macht. Er trägt eine unförmige Jeans, einen dünnen Wollpulli und einen alten Lederhut. Seine Füße stecken in Flipflops. Sein Gesicht ist voller Bartstoppeln, aus dem Mundwinkel hängt eine Selbstgedrehte. Er trägt eine große graue Brille, Künstler, Intellektueller. „Sie bearbeiten einen großen Stein mit einem kleinen Stein?“ frage ich neugierig. Er lacht. „Gut beobachtet. Ich poliere den Stein erst einmal. Danach bearbeite ich ihn mit Hammer und Meißel.“ Zur Bestätigung hebt er sein Werkzeug an. „Und Sie? Auf Spaziergang?“ „Wanderung.“ „Oh, wo ist der Unterschied?“ Wir lachen beide. „Ich weiß nicht“, überlege ich, “vielleicht ist eine Wanderung immer mit einem Ziel oder mehreren verbunden und ein Spaziergang ist mehr eine Beschäftigung an sich.“ Ich merke, dass wir in philosophische Gedanken kommen und ärgere mich schon jetzt, weil ich befürchte, ich könne mich in Französisch nicht so ausdrücken, wie ich gern würde. Eigentlich wandere ich auch mit dem Motorrad, erkläre ich ihm. Aber manchmal steige ich ab und gehe zu Fuß, um noch detaillierter in die Fremde zu blicken und so traf ich nun wieder einmal einen interessanten Menschen, der einen Stein mit einem Stein bearbeitet und sich dafür Zeit nimmt. „Du bist eine Denkerin“, analysiert er. „Pass auf, dass du dich nicht in den Details verlierst. Man muss im Gleichgewicht bleiben. Ich war früher ein Manager. Immer auf Reisen. Habe in Los Angeles, Hongkong, Berlin, überall auf der Welt gearbeitet. Ich habe die ganze Welt bereist, aber nichts von der Welt erfahren. Nun bin ich hier in meiner Heimat. Mit meiner Frau und meinen Kindern. Ich arbeite weniger und ich genieße es, eine Skulptur zu machen, die Wanderer zu sehen und manchmal hält jemand an, der mir seine Welt hierher bringt. Inzwischen begreife ich viel besser.“ Wie auf’s Stichwort erscheint seine Frau. Lange Haare, ein wenig Hippie mit Manager-Aura. Vermutlich etwas jünger als ich. Sie trägt leere Einkaufstaschen und einen Korb und verkündet, dass sie nun in die Stadt führe, Besorgungen mache und dann wieder käme. Sie lächelt mich an und steigt dann in ihr Auto. Wir richten unsere Blicke wieder auf seine Arbeit. „Und wie entscheiden Sie, welche Linien Sie in den Stein machen?“ frage ich. „Schau“, er greift zum Meißel und fährt mit der Kante über die Kurven seines Objektes, „ich folge einfach der Natur. Der Stein gibt mir ja schon eine Form vor, die ich vollende. So ist es auch im Leben. Egal welcher Herkunft, welcher Religion. Wir stellen uns alle die gleichen Fragen und suchen alle nach dem gleichen Ziel. Je nach Herkunft und nach Prägung nehmen wir einen eigenen Weg, der uns zeichnet. Doch am Ende liegt die Antwort, die Schönheit, die Vollendung immer in uns.“ Ich nicke. Er ist wie ich. Schweigend schaue ich ihm noch ein paar Minuten zu und mache mich dann wieder auf den Weg. Verliere dich nicht in den Details. Das fällt mir schwer. Ich bin viel zu selten oberflächlich. Das stimmt wahrlich. Eine gewisse Oberflächlichkeit kann auch mal ganz hilfreich sein. Bleibe im Gleichgewicht.



Eine Gruppe Holländer reißt mich mit ihrem Geplapper aus den Gedanken. Ich lächle, grüße und gehe vorbei. Aber in welche Richtung muss ich denn? Ich schaue hin und her. Meine kleine Karte sieht der Umgebung nicht sehr ähnlich. Die Holländer fragen mich auf Englisch, ob ich wüsste, wo wir seien. Aber ich verneine. Wir stellen fest, dass wir die gleiche Abzweigung suchen und ich erinnere mich, dass ich diese bereits vor dem Feensee hätte nehmen müssen. Ich verkünde, dass ich den Weg weiß und führe die Holländer in die Richtung, aus der ich gerade kam. Der Künstler lächelt mir zu. „Ich habe Sie nur getroffen, weil ich mich verlaufen hatte.“ Er nickt wissend. Am Steinhaus halten wir und eine meiner neuen Begleiterinnen schaut tatsächlich tief in den Brunnen. Ich halte die Luft an bis sie unbeschädigt wieder auf die Mauer steigt. Kurz danach kommen wir an die Abzweigung und ich entdecke ein Hinweisschild, das ich vor einer Stunde übersehen haben muss. Oder war es zuvor gar nicht sichtbar? Die Holländer winken mir fröhlich Au Revoir und ich gehe meinen Weg. Vorbei an vielen Steinen, hinunter an das Meer, durch kleine Straßen mit sehr gepflegten bretonischen Häusern und zurück zu den Steinreihen von Carnac.


Alle Verkehrsschilder sind in französischer und bretonischer Sprache.
Der Yachthafen von Trinité-sur-Mer


























Im Parc des Huitres (Austernpark) von Carnac gab es nicht viel zu sehen.


Der Mann im Informationszentrum lacht auf, als ich durch die Tür trete. „Hallo, da sind Sie ja wieder!“ Ich betrachte ihn. Er scheint nicht wesentlich gealtert, allzu lange kann ich also nicht fort gewesen sein, denke ich schmunzelnd. Zu seiner Kollegin gewandt erklärt er, dass ich am Morgen aufgebrochen sei, um 14 Kilometer zu laufen. „War es schön?“ fragt sie. „Ja es war wundervoll. Am Ende sogar fast 17 Kilometer.“ Ich kaufe Postkarten, grüße zum Abschied und ziehe mich an meinem Motorrad wieder um. Auf dem Heimweg kaufe ich Crevetten, Seeschnecken, Salat und Baguette und mache es mir im Hotel zum Abendessen gemütlich. Die Bretagne. Die Kelten. Das ist mein Pilgerweg. Und die Sonne ist auch endlich mit mir.


Kommentare:

  1. Es gibt inzwischen blitzblanke Klos in Frankreich...? Wahrlich, die Zeiten haben sich geändert. Vor 21 Jahren gab weder das, noch Zäune um die Hinkelsteine. Ich kann mich noch gut an die besondere Atmosphäre erinnern. Leider hatte es damals Bindfäden geregnet, so dass ich kaum Erinnerungsfotos gemacht habe, aber mit Deinen Bildern kehrt alles zurück, als wenn es gestern gewesen wäre. Danke schön für diese Reise in die Vergangenheit.

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    1. Oh Sonja, das freut mich so. Deshalb blogge ich so gern, weil Menschen mit mir an Orte und in Zeiten reisen können, an denen sie selbst gerade nicht sein können.
      Vielen Dank für Deine schönen Worte.

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