Donnerstag, 17. August 2017

Biking & Hiking - 7. Kapitel: Bretonische Ermittlungen

Pep hini en deus e benn, Pa rank en dougen.
Jeder nach seinem Kopf, denn er muss ihn tragen.

Bretonisches Sprichwort


Die Nacht war wundervoll. Nachdem ich die leckeren Meerestiere verspeist hatte, ließ ich mich gemütlich in die Kissen fallen und schaltete den Fernseher ein. Zu Hause habe ich kein Fernsehen mehr. Als DVBT zu DVBT II wurde, hatte ich keine Lust mich darum zu kümmern und nun ist es mir auch irgendwie egal. Aber gestern Abend habe ich mit Begeisterung eine Tierdoku auf ARTE geschaut. Zwar verstand ich nahezu alles, was dort berichtet wurde, jedoch musste ich mich mehr konzentrieren, als bei der deutschen Ausgabe. In Anbetracht meines nachdenklichen, pollysophischen Tages, kam mir das ganz gelegen. Geerdet schlief ich ein und wachte am frühen Morgen durch den Lärm einer Familie im Hotelflur auf. Nach einer Stunde gemütlichen Wachwerdens sitze ich recht spät beim Frühstück, toaste Brioche und schwenke meinen Lipton-Beutel in der Tee-Tasse. Heute will ich auf den Spuren einer berühmten Kommissarin reisen und auch wenn ich nicht immer ganz genau weiß, wo sie sich herumtreibt, so bin ich mir sicher, dass ich ihr an meinem Tagesziel ganz nahe sein werde.

Gegen 10 Uhr mache ich mich mit dem tapferen Pony auf den Weg. Wir genießen die Sonne und die Freiheit ohne meinen Reisekrempel und flitzen ordentlich über die kleinen Landstraßen. Nach rund 25 Kilometern passiere das Örtchen Quimperlé, in dem ich meinen Schüleraustausch vor 27 Jahren verbrachte. Ich erkenne gar nichts wieder. Habe nicht einmal das Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein. Seltsam. War es wirklich so unbedeutend? Die Steinreihen von Carnac hatten mich doch wirklich nachhaltig beeindruckt. Genauso wie der kleine Fischerort Concarneau, den ich heute besuchen will. Da denke ich an Felsen und Seehunde. Und sehr alte Häuser. Mehr weiß ich nicht, aber das Gefühl zu diesem Ort ist noch immer da. Und das möchte ich heute gern einmal auffrischen.

Neben meinen Erinnerungen aus der Jugend ziehen mich aber noch andere Beweggründe nach Concarneau. Seit mehreren Jahren verfolge ich die Ermittlungen des Commissaire Goerges Dupin. Die ersten 5 Romane des Autors Jean-Luc Bannalec wurden als leichte Unterhaltung für das deutsche Fernsehen verfilmt und das habe ich mir sogar ab und zu angesehen, obwohl ich die Bücher schon kannte. Nun warte ich voller Spannung auf den 6. Fall, der in wenigen Tagen als Hörbuch erscheinen soll. Kommissarin Svenja scheint sich in dieser Saison ebenfalls an Herrn Bannalec heranzupirschen und ihre eigenen Ermittlungen zu den speziellen bretonischen Charakteren anzustellen. Obwohl ich mich der Kieler Kommissarin in einigen Themen sehr nah fühle, vermute ich, dass wir auf unserer Spurensuche ganz unterschiedliche Eindrücke zusammen tragen werden. 

Ein Blick auf meine Tanknadel lässt mich aber erst einmal kombinieren, dass ich Sprit brauche. Und zwar dringend. Zum Glück ist der nächste L‘Eclerc nicht weit und an den riesigen Supermärkten befinden sich immer auch Selbstbedienungs-Tanksäulen. Ich stecke meine Mastercard in den Automaten, gebe meinen Code ein und erhalte die Nachricht: „Carte invalide“ (ungültige Karte). Ich versuche die VISA-Card. Auch nicht. Das Problem habe ich oft in diesem Land. Wäre nicht Sonntag, könnte ich an den Schalter gehen, aber der hat heute geschlossen. Verflucht, warum habe ich nicht gestern getankt? Ich habe einfach geträumt. Während ich im Temperament gemäßigt weiter rolle, glaube ich, endlich die Erklärung für mein Problem zu haben: Oftmals sind Verkäufer an unterschiedlichsten französischen Orten überrascht, dass ich am Kartenterminal keine PIN eingeben muss, sondern mit Unterschrift bezahlen kann. Das ist in diesem Land nicht so üblich. Vermutlich bekommt auch die Tankstelle das Signal, dass hier die Unterschrift gilt, kann das aber nicht abwickeln und spuckt die Karte als „invalide“ wieder aus. Nur wenn das Gerät sich sozusagen entscheiden kann, werde ich mit der PIN zugelassen und darf Benzin zapfen. Erfahrungsgemäß klappt das an älteren Stationen. Es braucht noch weitere zwei Anläufe auf langen 35 Kilometern, bis ich endlich auf dem Display die erlösende Aufforderung erhalte, die Pompe numéro deux zu nehmen und „voll zu machen“. Ich schmunzele immer über diese Begrifflichkeit, denn „tanken“ heißt auf Französisch wirklich „faire plein“. Über mich selbst schmunzele ich weniger, denn so einen Nervenkitzel kann man sich eigentlich sparen.

Um halb zwölf erreiche ich schließlich das Office de Tourisme am heutigen Tatort. Ich stelle das tapfere Pony auf dem großen Parkplatz zwischen den Fahrradständern ab, ziehe mich um und verstaue meine Klamotten in den Packtaschen. Zudem schließe ich das Motorrad mit meiner dicken Kette an die Metallvorrichtung. Nicht weil ich Angst vor Diebstahl hätte, sondern davor, dass der Abschleppwagen kommt. Der würde wohl weder das Schloss noch den Fahrradständer durchflexen, oder?

Als ich die Tür zur Touristeninformation aufstoße, fällt mir ein Aufkleber ins Auge: „Offizieller Handlungsort in den Filmen des Commissaire Dupin.“ Aha. Soso. Der Text ist in Französisch geschrieben, vermutlich aber an Deutsche gerichtet. Allerdings hat der Krimi-Autor auch in der Bretagne Anerkennung gefunden, weil er der mit seinen Büchern die regionale Lebensart näherbringt. Tatsächlich nehmen die Beschreibungen von Geschichte, Kultur und Gesellschaft neben dem Kriminalfall einen gleichwertigen Platz ein, was den Conseil régional de Bretagne veranlasst hat, Monsieur Bannalec die Auszeichnung „Mäzen der Bretagne“ zu verleihen.

Wie immer besorge ich mir einen Plan von Stadt und Umland und da man sich in Frankreich pünktlich um 12 Uhr zum Apéro trifft, werde ich vor meiner Entdeckungstour erst einmal Mittag essen. Im L’Amiral, wo Commissaire Dupin an seinem Stammplatz stets Entrecôte isst, lasse ich mich auf der Terrasse nieder. Da auch die Kieler Kommissarin gern Fleisch isst, nehme ich die Rolle der sonderbaren Zeugin ein und bestelle die Meerestiere mit einem Glas Weißwein. Champagner muss es ja nicht sein. Ich schaue mich um. Hinter mir sitzen zwei Damen besten und noch besseren Alters. Mutter und Tochter aus Deutschland, wie ich dem Dialog entnehmen kann. Eine schimpft über das Essen, der Besuch im L’Amiral hätte sich wohl nicht gelohnt, da hätten sie besseres erwartet. Verstohlen schiele ich auf den Nachbartisch. Die Croques sehen eigentlich ganz gut aus und auch die Dessertvariationen merke ich mir schon mal für den zweiten Gang. Endlich kommt mein Teller und ich betrachte die Auswahl. Drei Austern, einige Seeschnecken, Langusten und ein halber Krebs werden von Mayonnaise, Vinaigrette und einem Brotkörbchen begleitet. Die Tiere sind schnell verspeist und ich genieße sie sehr. Es schmeckt nach Meerwasser mit Mayo in verschiedenen Konsistenzen. Als ich die Krebsbeine ausgekratzt habe, hebe ich noch etwas Fleisch aus dem Panzer. In dem Moment, als ich die Gabel unter den respektvollen Blicken meiner Tischnachbarn in den Mund schiebe, fällt mir die Bemerkung meines Freundes David ein:“Hmnja, wenn du das Innere des Taschenkrebses essen willst, dann musst Du schon echt abgebrüht sein.“ David ist Sternekoch. Kalbsbries, eine Immundrüse des Rinderbabys in Gehirnoptik, gehört zu seiner Lieblingsspeise. Wenn selbst er meint, man müsse stark sein, dann…. Ich versuche zu schlucken. Ich kann nicht. Es schmeckt gar nicht sooo grausam, aber die Textur ist wahrlich furchtbar. Meine Lefzen ziehen sich schon zusammen. Dieses Gesicht, das man zieht, wenn einem der Ekel überkommt. Was mache ich denn jetzt? Gebe ich mir die Blöße, den Brei auf den Teller zu spucken? Niemals! Ich nehme einen beherzten Schluck Weißwein und spüle die Krebsinnereien hinunter. Prost! Ich hätte mich früher an den Rat meines Freundes erinnern sollen. Dann lieber Kalbsbries. Ich stoße diskret auf und kippe den Rest des Weins hinterher.



Als der Kellner meinen Tisch leer räumt, setzt sich eine einzelne Dame direkt neben mich und bestellt einen Petit Café. Ich tue ihr gleich und nehme die Dessertvariationen dazu. Sie fragt mich, ob ich aus England käme, weil ich einen accent hätte. Aus Deutschland, kläre ich sie auf. Ach aha, sehr interessant, es wären viele Deutsche in der Bretagne. Sie sprechen aber gut Französisch. Ja ich kann mich verständigen. Nein, Ihr Vokabular ist nicht touristisch, sondern umfangreich. Ja ich habe mal in der Normandie gelebt. Ach, nun verstünde sie auch, woher ich meine Aussprache hätte. Wir lachen und ich überziehe mit Vergnügen den Jargon aus dem Norden. Während ich meinen Nachtisch löffele, erzählt sie mir aus ihrem Leben. Die Dame, Anfang sechzig, trägt Jeans, Bluse und Sneaker, dazu einen leichten schwarzen Trenchcoat in Lederoptik. Die Haare sind dunkel gefärbt, die Haut sonnengebräunt und lebenserfahren. Die Augen wirken ruhig und freundlich. Ihr Blick reist mit ihren Gedanken weit in die Vergangenheit. Sie berichtet, dass sie hier in der Ville Close geboren ist und dann als junges Mädchen mit ihrer Familie nach Paris gezogen ist, wo sie ihr ganzes Leben verbrachte. Ihr Exmann sei Pariser, ihre Töchter hätten dort studiert. Immer sei die Sehnsucht nach der Bretagne ein dauernder Schmerz in ihr gewesen. Als die Kinder groß und selbstständig waren und sie selbst Pensionärin wurde, entschied sie, dass sie zurück in die Bretagne müsse. Ihr Mann wollte auf keinen Fall einen Umzug, doch ihr Antrieb war so stark, dass sie schließlich allein ging. Nun lernt sie die bretonische Sprache, engagiert sich in Kulturvereinen und fängt an, die fehlenden Teile ihrer Persönlichkeit zusammen zu fügen. Endlich fühlt sie sich wieder ganz. Ruht in sich. Findet Frieden. Ich denke an wieder Svenja.

Ich erwähne, wie lustig ich es finde, dass hier alle Straßenschilder in zwei Sprachen verfasst werden. Sie nickt mit ernster Miene. Früher sei es sogar verboten gewesen, die alten Sprachen zu sprechen oder gar an Schulen zu lehren. Daher sei viel von dem Erbe verloren gegangen. Nun, wo sie selbst in ihre kulturelle Geschichte einsteigt, merkt sie erst, wie schwierig die Grammatik in Bretonisch sei. Ich berichte von einem Politiker in Mali. Seine Mutter hätte eine sehr Seltene der 35 Sprachen des Landes gesprochen und die sei so komplex und kompliziert, wie auch seine Mutter es war. Teilweise beständen Singular und Plural aus komplett unterschiedlichen Wörtern (z.B. Ein Vogel, zwei Gläser) und das sei noch der einfachere Teil. Meine Gesprächspartnerin hört mir aufmerksam zu und nickt langsam. Auch die Bretonen seien einigermaßen schwierig, meint sie. Wir sind uns einig, dass der Charakter eines Volkes in seiner Kommunikation und Kulinarik definiert ist. 

Mit dem letzten Schluck aus ihrer Tasse steht sie auf, bedankt sich für das Gespräch und wünscht mir eine schöne Reise. Ich blicke ihr nach. Die interessantesten Momente sind genau diese unverbindlichen Zufallsbegegnungen. Auch ich zahle und suche noch einmal die Waschräume auf, wo ich nach Spuren von Pieps suche. Die Örtlichkeiten sind aber so penibel geputzt, dass ein paar Fellfussel sicherlich schon beseitigt wurden. Schade.

Wenig später überquere ich die kleine Brücke, die mich auf die Altstadt-Insel Ville Close führt. Hinter den Mauern höre ich irisch-keltische Musik, die mich sofort in die frühen Jahrhunderte abholt, die auch diese Stadtmauern schon erlebt haben. Als ich durch das erste Tor gehe, stehe ich auf einem blumengeschmückten Marktplatz. Besucher sitzen auf bunten Holzstühlen und niedrigen Mauern. Drei große rote Sonnenschirme schützen drei Musiker mit ihren unzähligen Saiten-, Schlag- und Flöteninstrumenten. Mit dem Schlussakkord ertönt ein euphorischer Applaus. Als der graubärtige Sänger seine Stimme erhebt, wird es still. Ein bretonisches Volkslied, in einer solchen Sehnsucht vorgetragen, dass ich einen Kloß im Hals und Tränen in den Augen habe. Welch‘ ergreifende Musik. Ich kann nicht fotografieren, nicht filmen, vergesse die Menschen um mich herum, es gibt nur diesen einfachen Mann in seinem grauen Pullover. Ein Typ, der im Film die Rolle des Eigenbrötlers so gut spielen könnte, weil er sich auch in der Realität innehat. Ich kann kein Wort verstehen, doch ich spüre die Felsen, das Meer, das satte Grün und Rot der Bretagne. Die Liebe zu diesem sonderbaren Land, das dem Sänger ein Zuhause ist. Eine Geliebte und Gefährtin. Als das Lied zu Ende ist, und die Zuschauer erneut begeistert klatschen, stehe ich reglos da. Unsere Blicke treffen sich. Seine Miene ist ebenso still wie meine. Von links ertönt die Flöte des Kollegen. Der Graue greift zur Gitarre und stimmt fröhlich einen schnellen irischen Tanz an. Ich setze mich auf eine Mauer und genieße fußwippend. Die Gefühle wechseln wie das Wetter der rauen Küste. In Gedanken modifiziere ich das Fazit von heute Mittag: Der Charakter eines Volkes ist in seiner Kommunikation, seiner Kulinarik und seiner Musik definiert.



Hinter dem zweiten Stadttor tut sich eine Szenerie auf, die ich schon von Mont Saint Michel kenne. Touristen bummeln durch enge Gassen und sitzen in kleinen Brasserien. Souvenirläden bieten Standardware und Ausgefallenes feil. Wie schon am Mont stören mich die Reisenden hier nicht so sehr, wie woanders. Es wird schon immer so gewesen sein, dass die Menschen aus dem Umland zum Markt, zum Spektakel und in die Kirche geströmt kamen. Ich lasse mich treiben und habe das erste Mal auf dieser Reise Lust auf ein paar Einkäufe für die Lieben zu Hause. Die Zeit vergeht wie im Fluge und als ich die Ville Close verlasse, ist der Nachmittag weit fortgeschritten. In das von Commissaire Dupin geliebte Aquarium drängt mich nun nichts mehr. Lieber setze ich mich noch ein Weilchen auf die Felsen und beobachte die Menschen aus der Ferne.










Wieder geht ein fantastischer Reisetag zu Ende. Das, was Jean-Luc Bannalec in seinen Büchern beschreibt, habe ich hier erfahren, ohne letztendlich bestimmte Schauplätze besucht zu haben. Es ist die Magie der Bretagne, die offenbar nicht nur mich hier einhüllt. Ob wohl Kommissarin Svenja einen ebenso schönen Tag in Concarneau hatte?






 


Donnerstag, 3. August 2017

Biking & Hiking - 6. Kapitel: Die Steinreihen von Carnac und andere Wesen


Mein innerer Rechner ist eine alte Kiste. Aber eine Zuverlässige. Ich brauche am Morgen genau eine Stunde, um alle Programme hoch zu fahren. Die Vorgänge sind immer die Gleichen. Ich höre Radio, schlummere immer wieder ein, schalte mehrere Wecker aus und stehe schließlich in letzter Minute auf. Lieber verzichte ich auf das Frühstück, als diese Rituale abbrechen zu müssen. Zu Hause muss ich nebenbei noch zwei hungrige Katzen davon abhalten, mir von der Fensterbank aus auf dem Bauch zu springen oder die Tapeten von der Wand zu kratzen. Hier im Hotel f1 ist es dunkel und still. Die Einrichtung ist mir so vertraut, dass ich einen Moment lang dachte, ich sei in Lille, wo ich auf dem Weg zum Wikinger immer anhalte. Aber nein, ich bin ja in der Bretagne! Aufgeregt stehe ich auf und lasse das Rollo hoch. Der Himmel ist zwar wolkenverhangen, aber es sieht trocken aus. Es ist 7 Uhr. Schnell ziehe mir etwas über und gehe in den Frühstücksbereich. Hier gibt es Brioche, Baguette, Confiture, Nussnougatcreme und Compot. Ich nehme von allem ein bisschen, trinke Tee und checke das Wetter. Ab 10 Uhr soll es sonnig sein. Das kommt mir sehr gelegen. 

Ich räume mein kleines Zimmer auf, packe meinen Rucksack und mache mich auf den Weg in eine Stadt in der ich vor 27 Jahren zuletzt war. Ich erinnere mich sehr an ein Foto, das hier damals von mir geschossen wurde. 14jahrig, mit langen gelockten Haaren und Zahnspange sitze ich auf einem großen Stein und grinse. Damals hatte ich mich in dieses Land verliebt. In die Bretagne und die keltische Mythologie, in die Felsen und das raue Meer. Ich war zum Schüleraustausch hier. Die Sehnsucht ist geblieben. Doch die Rückkehr wird erst heute sein. Von allem Gepäck entlastet fallen wir in einen gemächlichen Galopp. Endlich lasse ich mich auf kleinen Landstraßen treiben, so hatte ich mir den Weg durch Frankreich eigentlich gewünscht. Die ersten Sonnenstrahlen blitzen zwischen den Bäumen hervor. Übermütig beschleunige ich auf dem trockenen Asphalt und schwinge lustvoll die Kurven im Kreisverkehr. Nach einer Dreiviertelstunde erreiche ich Carnac und steuere zuerst das Office de Tourisme an. Hier decke ich mich mit Wanderkarten ein, bevor ich die Alignements de Carnac aufsuche. Um 10 Uhr öffnet das Informationszentrum. Als ich eine Viertelstunde vorher auf den Parkplatz rolle, sind erst wenige Menschen zu sehen. Ich verschwinde im Toilettenhäuschen, welches formidable geputzt ist. Schnell tausche ich meine Motorradklamotten gegen eine kurze Hose und ein leichtes Hemd. Dann verstaue ich Jacke und Lederhose in den Packtaschen der PJV und schließe den Helm am Sturzbügel fest. Als ich das Informationszentrum betrete, lächelt mich ein sportlich aussehender Bretone an. "Bonjour Monsieur",strahle ich ihn auf meinen Wanderstock gestützt an, "Ich möchte gern die Megalithen sehen." Er schmunzelt. "Kennen Sie unser Terrain?" "Nein, ich war vor 27 Jahren zuletzt hier." Er nickt. Es hätte sich viel verändert, meint er. Die Touristen hätten so viel Schaden angerichtet, dass man Schutzmaßnahmen ergreifen müsste. Die Menhire wären nun eingezäunt und das Gelände könne von April bis September nur noch im Rahmen einer Führung betreten werden. Ich starre ihn enttäuscht an. Die Führung fände zweimal täglich, erstmals um 11 Uhr, statt und dauere ca 1,5 Stunden. In meinem nachdenklichen Blick erkennt er, dass ich nicht glücklicher bin, als 8 Sekunden zuvor. Ich wollte den ganzen Tag hier verbringen. Mit den Steinen sein, die irgendjemand hier 4500 Jahre vor unserer Zeitrechnung aufgestellt hat. Erfühlen, was sich jemand denkt, der so etwas tut. Erfahren, was die Kelten später veranlasst hat, hier ihre Kultstätten zu bestimmen. Aber ich wollte nicht in einer Gruppe von 50 Menschen einem Vortrag lauschen und dann vom Acker gescheucht werden. Der freundliche Bretone betrachtet mich. „Sie können zu Fuß zu den einzelnen Steinfeldern gehen. Das ist ein Rundweg von 4 Kilometern.“ Ich schaue auf. Lächelnd händigt er mir eine kleine Karte aus, und beschreibt mir den Weg. Ich ziehe das Blatt hervor, das ich im Office de Tourisme bekam. Gemeinsam vergleichen wir die eingezeichneten Routen und stellen so eine Tagestour für mich zusammen, in der ich sicherlich in meinen Wünschen nicht zu kurz kommen würde. Der Monsieur schaut zwar noch etwas ungläubig, weil wir am Ende auf 14 Kilometer kommen, aber ich versichere ihm, dass ich das schaffen werde. Wir verabschieden uns und ich laufe los.


Mein christlicher Pilgerpartner auf heidnischen Spuren.





Tatsächlich mutet es seltsam an, die großen Findlinge hinter dem Zaun zu betrachten. Steine im Zoogehege. Wie gern würde ich neben den exakten Reihen laufen und zwischen den Steinen ruhen. Doch ich verstehe schon, dass die touristischen Trampelpfade die Vegetation und damit auch die Stabilität der Anlage vernichten würden. So folge ich dem Wanderweg und fühle mich von den großen Brocken beobachtet. Tatsächlich entdecke ich in den Furchen und Ritzen des Granits die Gesichter alter Menschen und mystischer Gestalten. Sie zwinkern mir im Vorbeigehen zu. 
Einer der schmunzelt.

Einer spricht zu seinem Tier.
















Je weiter ich laufe, desto weniger Besucher begegnen mir. Ich pausiere an einem Steinkreis, genieße ein kleines Wäldchen und erreiche schließlich den Géant. Den Riesen. Er ist ein richtiger Star zum Anfassen. Seine Fans lassen sich mit ihm ablichten, wie es die Besucher bei Hagenbeck’s Tierpark es mit dem Walross Antje zu tun pflegten. Antje lebt leider nicht mehr, der Géant wird aber wohl noch ein paar Jahrtausende durchhalten. Wahnsinn, was diese Steine schon alles erlebt haben müssen. Und was sie wohl noch erleben werden? Werden sie sich irgendwann von der längst ausgestorbenen Spezies Mensch erzählen, die ein paar Jahre auf der Erde wohnte, dann aber ausstarb, weil die Anpassungsfähigkeit nur begrenzt war?



Nehmen Sie Rücksicht auf die heiligen Orte. Danke im Namen des "Wald-Spirits"
Le Géant et moi.

Ich hänge meinen Gedanken nach, als ich am Ende des Pfades eine kleine Straße überquere. Links entdecke ich einen kleinen See mit einem steinernen Häuschen. Der Tümpel ist so veralgt und voller Entengrütze, dass er ganz gruselig wirkt. Als ich mich an sein Ufer hocke, fürchte ich, dass eine Hand nach mir greifen würde. Auch das Häuschen ist voller Moos. Ich traue mich nicht, zwischen die Mauern zu steigen. Dieser Ort ist definitiv ein Übergang in die Feenwelt. Ich lache über mich selbst. Eigentlich wäre es doch Ziel meiner lebenslangen Reise, genau dort endlich anzukommen. Wenn ich diesen Schritt jetzt ginge, wäre es soweit. Wer in die Anderswelt gerät, wird von Feen empfangen und umsorgt. Die Zeit dort drüben tickt nach anderen Uhren und nicht selten kehren die Menschen nach kurzer Zeit zurück und stellen fest, dass in ihrer eigenen Welt bereits mehrere Jahrzehnte vergangen sind. Ich denke an meinen Vater. An meine Familie, an O., Arne und PS, an meine Freunde und Freundinnen und die Menschen mit denen ich täglich eng zusammen arbeite. Denen hätte ich Bescheid sagen müssen, wenn ich länger wegbliebe. Ich glaube, die könnten es besser verkraften, mich tot von der Autobahn zu kratzen, als mich vermisst zu glauben und nicht zu wissen, ob ich noch lebe und mich vielleicht irgendwo quäle. Der Kummer, den ich ihnen damit brächte, täte mir schrecklich leid und so steige ich nicht von der kleinen Mauer in den Brunnen. Wie lange habe ich nach dieser Chance gesucht. Und nun, wo ich einen so harten Weg zurückgelegt habe, ist es plötzlich nicht mehr wichtig genug. Die Menschen, die mich auf dieser Suche begleitet haben, sind mir wichtiger geworden, als das Ziel an sich.

Der Feenbrunnen

Der Feensee.
Nachdenklich gehe ich weiter. Plötzlich nehme ich ein sanftes Schaben wahr und blicke auf. Links steht großes Steinhaus und davor ein Mann, der sich augenscheinlich an einer Skulptur zu schaffen macht. Er trägt eine unförmige Jeans, einen dünnen Wollpulli und einen alten Lederhut. Seine Füße stecken in Flipflops. Sein Gesicht ist voller Bartstoppeln, aus dem Mundwinkel hängt eine Selbstgedrehte. Er trägt eine große graue Brille, Künstler, Intellektueller. „Sie bearbeiten einen großen Stein mit einem kleinen Stein?“ frage ich neugierig. Er lacht. „Gut beobachtet. Ich poliere den Stein erst einmal. Danach bearbeite ich ihn mit Hammer und Meißel.“ Zur Bestätigung hebt er sein Werkzeug an. „Und Sie? Auf Spaziergang?“ „Wanderung.“ „Oh, wo ist der Unterschied?“ Wir lachen beide. „Ich weiß nicht“, überlege ich, “vielleicht ist eine Wanderung immer mit einem Ziel oder mehreren verbunden und ein Spaziergang ist mehr eine Beschäftigung an sich.“ Ich merke, dass wir in philosophische Gedanken kommen und ärgere mich schon jetzt, weil ich befürchte, ich könne mich in Französisch nicht so ausdrücken, wie ich gern würde. Eigentlich wandere ich auch mit dem Motorrad, erkläre ich ihm. Aber manchmal steige ich ab und gehe zu Fuß, um noch detaillierter in die Fremde zu blicken und so traf ich nun wieder einmal einen interessanten Menschen, der einen Stein mit einem Stein bearbeitet und sich dafür Zeit nimmt. „Du bist eine Denkerin“, analysiert er. „Pass auf, dass du dich nicht in den Details verlierst. Man muss im Gleichgewicht bleiben. Ich war früher ein Manager. Immer auf Reisen. Habe in Los Angeles, Hongkong, Berlin, überall auf der Welt gearbeitet. Ich habe die ganze Welt bereist, aber nichts von der Welt erfahren. Nun bin ich hier in meiner Heimat. Mit meiner Frau und meinen Kindern. Ich arbeite weniger und ich genieße es, eine Skulptur zu machen, die Wanderer zu sehen und manchmal hält jemand an, der mir seine Welt hierher bringt. Inzwischen begreife ich viel besser.“ Wie auf’s Stichwort erscheint seine Frau. Lange Haare, ein wenig Hippie mit Manager-Aura. Vermutlich etwas jünger als ich. Sie trägt leere Einkaufstaschen und einen Korb und verkündet, dass sie nun in die Stadt führe, Besorgungen mache und dann wieder käme. Sie lächelt mich an und steigt dann in ihr Auto. Wir richten unsere Blicke wieder auf seine Arbeit. „Und wie entscheiden Sie, welche Linien Sie in den Stein machen?“ frage ich. „Schau“, er greift zum Meißel und fährt mit der Kante über die Kurven seines Objektes, „ich folge einfach der Natur. Der Stein gibt mir ja schon eine Form vor, die ich vollende. So ist es auch im Leben. Egal welcher Herkunft, welcher Religion. Wir stellen uns alle die gleichen Fragen und suchen alle nach dem gleichen Ziel. Je nach Herkunft und nach Prägung nehmen wir einen eigenen Weg, der uns zeichnet. Doch am Ende liegt die Antwort, die Schönheit, die Vollendung immer in uns.“ Ich nicke. Er ist wie ich. Schweigend schaue ich ihm noch ein paar Minuten zu und mache mich dann wieder auf den Weg. Verliere dich nicht in den Details. Das fällt mir schwer. Ich bin viel zu selten oberflächlich. Das stimmt wahrlich. Eine gewisse Oberflächlichkeit kann auch mal ganz hilfreich sein. Bleibe im Gleichgewicht.



Eine Gruppe Holländer reißt mich mit ihrem Geplapper aus den Gedanken. Ich lächle, grüße und gehe vorbei. Aber in welche Richtung muss ich denn? Ich schaue hin und her. Meine kleine Karte sieht der Umgebung nicht sehr ähnlich. Die Holländer fragen mich auf Englisch, ob ich wüsste, wo wir seien. Aber ich verneine. Wir stellen fest, dass wir die gleiche Abzweigung suchen und ich erinnere mich, dass ich diese bereits vor dem Feensee hätte nehmen müssen. Ich verkünde, dass ich den Weg weiß und führe die Holländer in die Richtung, aus der ich gerade kam. Der Künstler lächelt mir zu. „Ich habe Sie nur getroffen, weil ich mich verlaufen hatte.“ Er nickt wissend. Am Steinhaus halten wir und eine meiner neuen Begleiterinnen schaut tatsächlich tief in den Brunnen. Ich halte die Luft an bis sie unbeschädigt wieder auf die Mauer steigt. Kurz danach kommen wir an die Abzweigung und ich entdecke ein Hinweisschild, das ich vor einer Stunde übersehen haben muss. Oder war es zuvor gar nicht sichtbar? Die Holländer winken mir fröhlich Au Revoir und ich gehe meinen Weg. Vorbei an vielen Steinen, hinunter an das Meer, durch kleine Straßen mit sehr gepflegten bretonischen Häusern und zurück zu den Steinreihen von Carnac.


Alle Verkehrsschilder sind in französischer und bretonischer Sprache.
Der Yachthafen von Trinité-sur-Mer


























Im Parc des Huitres (Austernpark) von Carnac gab es nicht viel zu sehen.


Der Mann im Informationszentrum lacht auf, als ich durch die Tür trete. „Hallo, da sind Sie ja wieder!“ Ich betrachte ihn. Er scheint nicht wesentlich gealtert, allzu lange kann ich also nicht fort gewesen sein, denke ich schmunzelnd. Zu seiner Kollegin gewandt erklärt er, dass ich am Morgen aufgebrochen sei, um 14 Kilometer zu laufen. „War es schön?“ fragt sie. „Ja es war wundervoll. Am Ende sogar fast 17 Kilometer.“ Ich kaufe Postkarten, grüße zum Abschied und ziehe mich an meinem Motorrad wieder um. Auf dem Heimweg kaufe ich Crevetten, Seeschnecken, Salat und Baguette und mache es mir im Hotel zum Abendessen gemütlich. Die Bretagne. Die Kelten. Das ist mein Pilgerweg. Und die Sonne ist auch endlich mit mir.