Sonntag, 16. Juli 2017

Biking & Hiking - Eine Pilgerfahrt zu Kirchen und Kelten - Einführung


Das erste Mal in meinem Leben werde ich mit dem Autozug fahren und dazu mein geliebtes Motorrad verladen müssen. Ich habe keine Ahnung was da auf mich zu kommt. Schaffe ich es, auf die Rampe zu rollen, ohne mein schweres Motorrad umzukippen? Habe ich genügend Zeit, mein Handgepäck abzunehmen und mein Abteil zu finden, bevor der Zug losfährt? Wird mein tapferes Pony auch unbeschädigt am Bestimmungsort ankommen? Wird mein Packsack noch da sein? Zum Glück habe ich an meinem letzten Arbeitstag noch so viel zu tun, dass die Zeit bis zum Nachmittag verfliegt und schon verabschieden mich die Lieben nebst Chef in meine dreiwöchigen Sommerferien. Schon am Morgen hatte ich mein Motorrad gepackt und bin mit allem Zeug zur Arbeit gefahren. Nun muss ich 30 Kilometer durch die Stadt zum Bahnhof Altona. Den Weg im Schlaf kennend balanciere ich meine Maschine durch den freitäglichen Stop and Go und erreiche schließlich den Check-In-Schalter an dem sich schon jede Menge Autos angestellt haben. Die meisten Kennzeichen sind aus Dänemark und Schweden, einige Norweger und Schweizer. Ich schlängele mich an den Wartenden vorbei und stelle mich zu einigen anderen Motorradfahrern. Ein älterer Herr in einem blauen Volvo nörgelt mich auf Deutsch an, weil er schon länger wartet und dann auch vor mir dran sein will. Ich strahle ihn an und versichere ihm, dass er nicht vergessen wird. Kurz danach lernt er, dass die Zweiräder zuerst verladen werden und erst dann die Automobile folgen. Ich habe also nichts falsch gemacht. Nach Vorlage meines Tickets erhalte ich einen Zettel auf dem mein Zielort angegeben ist: Lörrach.

Als ich gerade das Schild am Windshield festklebe taucht Dauergefährte O. im Gedränge auf. Eigentlich wollten wir diese Reise zusammen unternehmen, aber dann hatte er zeitweilig andere Themen zu bewältigen und so ergab es sich, dass ich allein auf große Fahrt gehe. Dennoch lässt er es sich nicht nehmen, mit mir noch einen Kaffee zu trinken und da bis zur Verladung noch eine gute Stunde Zeit ist, setzen wir uns in ein gegenüberliegendes Restaurant und halten Smalltalk. Schließlich kehren wir zu meinem tapferen Pony zurück und warten weiter. Vor mit steht eine kleine Gruppe Schweden mit voll bepackten Harleys. Ich frage mich, warum sie nicht zu den Hamburg Harley Days bleiben, die dieses Wochenende in meiner Stadt tagen. Doch vielleicht passt dieser Zwischenstop nicht in ihren Zeitplan. O. dagegen macht sich Gedanken, wer der Herumstehenden sich mit mir das Nachtlager teilen wird. Ich hoffe, dass es keine Skandinavier sind, die trinken Schnaps und feiern laut. Wir werden sehen. Die Verladung beginnt mit einer halbstündigen Verspätung und ist weit weniger schwierig als befürchtet. Freundliche Helfer weisen mir Weg und Standplatz und sichern das Motorrad auf dem Wagon. Ich tüdel mein Handgepäck von dem Berg auf meiner Rückbank und suche meinen Liegewagen. Dort lasse ich meinen Helm und meine Tasche und steige wieder auf den Bahnsteig herab, um mich von O. noch einmal drücken zu lassen. Wir beobachten die Reisenden. Inzwischen sind auch die meisten Autos auf ihrer Plattform, lange kann es also nicht mehr dauern.

Auf dem Nachbargleis startet ein Autozug nach Verona. Kurz danach sollen wir los. Ich bin voller Vorfreude und nach der erfolgreichen Verladung bester Dinge für die Zugfahrt. Doch es sollte noch mehr als 2 Stunden dauern. Der Verona-Express hat noch während der Ausfahrt aus dem Bahnhof Altona eine Panne und blockiert nun das Gleis, das auch wir benutzen müssten, um gen Süden die Stadt zu verlassen. Ich nutze die Zeit, meine Lederhose auszuziehen und gegen eine gemütliche Jogginghose zu tauschen. Noch immer sind keine Mitreisenden in meinem Abteil aufgetaucht. Als klar wird, dass wir so schnell nicht loskommen, geht O. einen Kaffee holen. Anschließend machen wir uns über das Abendessen her, das ich für die Zugfahrt eingepackt hatte. Brot, Käse, Tomaten und Oliven. Es ist fast gemütlich in meinem kleinen Reich. Für die Nacht können Sitzbank und Lehne zu zwei Liegen umgebaut werden. Die Flächen sind recht hart, was meinem maroden Rücken sehr entgegen kommt. Wir reden vertraut oder sitzen einfach nur gemeinsam da. Irgendwann kommt ein Schaffner, prüft mein Ticket und fragt, was ich zum Frühstück trinken will. Ob es denn bald losging, frage ich. „Ja, wir starten bald.“ „OK, weil der Herr hier noch den Zug verlassen muss.“ Gleich darauf ein Pfiff und die Türen schlagen zu. Ich stürze zum Ausgang, ziehe O. an seiner Jacke gewaltsam hinter mir her. Es braucht 3 Anläufe, bis ich es schaffe, die Tür offen zu halten und meinen Freund aus dem Zug zu stoßen. Rums. Und der Zug fährt an. Oh man, das wäre beinahe schief gegangen. Dann hätte mein Begleiter zwar den Weg nach Lörrach gefunden, sein Motorrad stände aber noch in Altona. 

O. winkt mir mit einem großem Taschentuch lange hinterher und ich blicke gedankenverloren aus dem Fenster. In den letzten Wochen war mein Leben anstrengend. Dann ergab es sich zudem eine Woche vor dem Urlaub, dass ich eine neue Wohnung beziehen konnte, die ich mir so sehr gewünscht hatte. Also habe ich in einer Hauruck-Aktion noch einen spontanen Umzug hinter mich gebracht. Da ich Unordnung hasse, habe ich natürlich alles an seinen Platz geräumt und nur die Feinarbeiten auf meine letzte Urlaubswoche verschoben. Dafür werde ich nun auch keine 3 Wochen unterwegs sein, sondern die Heimkehr ein paar Tage früher ins Auge fassen. Ich ahne, dass dieser Trip wieder einmal das Tor zu einem Neubeginn sein wird. So habe ich es schon manches Mal gehalten. Vor einem Lebensabschnitt reinige ich mich in der Stille des Alleinseins. Als O. nicht mehr zu sehen ist, kehre ich in mein Abteil zurück. Tatsächlich habe ich es ganz für mich allein. Ich baue mein Bett auf und lege mich zwischen die Laken. Der Zugführer erklärt noch, dass wir nun erst einmal in eine andere Richtung fahren, dann wenden und rückwärts den nächsten Wendepunkt erreichen um dann richtig herum in den Süden zu reisen. Das Ende seiner Ausführungen geht in meinen einsetzenden Träumen verloren. Erschöpft von allem schlafe ich auch schon ein. Als ich eine Stunde später die Augen öffne, sehe ich Licht und nehme Bahnhofsgeräusche wahr. Mit kleinen Augen versuche ich Schilder zu erkennen. Hamburg-Dammtor lese ich. Wir sind also wieder in der Hansestadt, rangieren aber nun auf das richtige Gleis.

Mit vierstündiger Verspätung erreichen wir am nächsten Morgen den kleinen Güterbahnhof von Lörrach. Voller Freude feiere ich das Wiedersehen mit meinem tapferen Pony, das die Zugfahrt unbeschadet überstanden hat. Ich holpere von der Rampe, kontrolliere mein Gepäck und starte meine Reise. Ich habe eine grobe Ahnung, wohin ich in diesem Urlaub möchte und überlasse die Einzelheiten dem Wetter und dem Schicksal. Mein eigentliches Ziel ist ohnehin nicht geografisch erfasst. 

Morgens um 7 Uhr das Pony gesattelt.
Ganz schön viel Kram.

Warten voller Spannung.
Verladung auf der Rampe.

Wann fahren wir denn endlich?
Ein Reich für mich allein.



Der Bahn-Touristik-Express ist ein Sammelsorium von alten
aufgekauften Waggons der Deutschen Bahn und des TGV. 
Morgens am Rhein.


















Ankunft in Lörrach. Wir warten auf unsere Fahrzeuge.

































Endlich dürfen wir unsere Motorräder abholen!





























Wir brechen zu einer besonderen Reise mit vielen Begegnungen und neuen Erfahrungen auf. Wieder einmal wird sich bestätigen, dass es sich lohnt, seine Träume zu leben. Ohne Kompromisse. Einfach machen. 

Kommentare:

  1. Zweimal Lörrach in einer Woche (für mich als Lesestoff). Zweimal Frankreich. Wie schön! :-)

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    1. Ich bin auch so sehr gespannt darauf welch unterschiedliche Erlebnisse Svenja und ich zu berichten haben. :-)

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  2. Nun bin ich gespannt, wie deine Pilgerfahrt mit Pony sich entwickeln wird. Allein das Mitreisen ist schon so spannend. Dass du allein im Abteil warst, ist ein Glücksfall, der mir leider nie widerfahren ist, aber im Nachhinein war auch die bunte Gesellschaft immer ganz interessant.
    Gute Reise wünsche ich dir. Pass gut auf dich auf.

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    1. Vielen Dank, liebe Grüße an Dich in den Norden!

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  3. Dann wünsche ich eine schöne Reise mit vielen neuen Eindrücken. Und nicht vergessen alles auf deine dir eigene Weise hier im Blog zu teilen.
    Immer eine Handbreit Strasse unter den Reifen.

    Gruß Hartmut.

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    1. Das werde ich bestimmt, lieber Hartmut. :-)

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  4. Dir und dem Pony alles Gute bei der Reise. Ich freue mich schon auf Pollymäßige Geschichten.
    Oh, mann, ganz schön flach so ein Trailer. Meine KLV würde so gar nicht reinpassen....Windschild müsste ab.

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    1. Das war wirklich eng. Selbst ich musste mich bücken und war froh, einen Helm zu tragen. Bei Svenja las ich, dass sie sich wenig elegant von Greeny wälzen musste, weil weder das Bike noch die Dame von niedriger Statur sind. Der Norweger vor mir hat eine ähnliche Figur abgegeben. Hihi.

      *denk denk*
      Minya müsste wahrscheinlich auf der oberen Plattform verladen werden.... :-*

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  5. Hurra, Polly auf großer Fahrt. Ich wünsche Dir viel Spaß und viele tolle Erlebnisse und freue mich auf Deinen Reisebericht.

    And remember to keep the shiny side up!

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  6. Sehr schön, es geht wieder los! Und ganz allein. Kann ich gut nachvollziehen, gerade vor oder nach Lebensabschnitten gibt es kaum was besseres um sich selbst zu finden als eine lange Tour. Nur in Begleitung der eigenen Gedanken unter dem Helm, da tun sich manchmal Erkenntnisse auf und setzen sich Verarbeitungsprozesse in Gang, die man gar nicht für möglich gehalten hätte.

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