Sonntag, 30. Juli 2017

Biking & Hiking - 5. Kapitel: Von der Düne zu den Druiden

Ich habe beschlossen, glücklich zu sein - es ist gut für die Gesundheit. Voltaire

Mein Wecker reißt mich um 6 Uhr aus einer stürmischen Nacht. Erholt bin ich nicht, am Morgen danach. Es nützt nichts, ich kann nicht bleiben. Die üblichen Rituale folgen, doch bevor ich mein tapferes Pony belade, hole ich mir einen großen Eimer Wasser und spüle großzügig den Sand von meinem Motorrad. Ich mache mir wirklich Sorgen, dass irgendwo Körner sind, die dort Schaden anrichten könnten. Aber momentan kann ich nichts anderes tun, als mit reichlich Wasser das Gröbste wegzuschwemmen.

... wirklich überall.
Sand überall....





















Ab 8 Uhr darf ich auschecken und bin pünktlich an der Rezeption, die jedoch noch geschlossen ist. Ich gehe gegenüber in die Boutique für Dinge des täglichen Bedarfs und frage, was ich mit dem Schlüssel machen soll. Die Kassiererin sagt, ich könne ihn einfach in den Briefkasten werfen. Ich bedanke mich und will gerade los, da spricht mich ein älterer Herr an, dessen Frau eine Tüte Croissants bezahlt. „Das ist ja nicht das richtige Wetter für eine Motorrad-Tour.“ Ja doch, denke ich genervt. Weiß ich wohl. Ich lächle, nicke und will den Laden verlassen. „Woher kommen Sie?“ setzt er nach. „Aus Deutschland.“ erwidere ich kurz. Er lässt nicht locker. Woher ich käme und dass er seit 26 Jahren Freunde aus der Nähe von Hamburg habe, die jedes Jahr zum Camping hierher kämen. Und dass er auch früher Motorrad gefahren sei und …. Die Verkäuferin schmunzelt und schaut mich mitleidig an. Der Mann zieht eine Tageszeitung aus dem Ständer. Ein Boulevardblatt, das die Wettervorhersage groß auf der ersten Seite zeigt. „Schauen Sie, bis Sonntag hängt der Regen in der ganzen Region“ Oui, je sais. Er nimmt eine andere Zeitung. „Sehen Sie, die sagen das Gleiche.“ Ja, Herrgott, und es ändert gar nichts, wenn er noch länger darauf herumreitet!! Ich lächle noch immer, wünsche Bonne Journée und verdrücke mich. Ich kann einfach nicht gut unhöflich sein und schlucke viele boshafte Gedanken weg. Bestimmt hat er es nur gut gemeint. Kann ja nichts dafür, dass ich ein Morgenmuffel bin und meine Stimmung verhagelt.

Au revoir Dune du Pilat
Mein heutiges Ziel ist La Rochelle in 250 Kilometern Entfernung. Die Tochter des Wikingers wohnt dort und so will ich mir das hübsche Städtchen einmal ansehen. Wieder nehme ich die mautfreie Autoroute und vermeide damit, bei dem Wetter durch die zahllosen Kreisverkehre zu glitschen. Außerdem komme ich einfach schneller voran. So rolle ich vor mich hin und als mein erster Schal durchgeweicht ist, fange ich an zu frieren. Bald werde ich Saintes erreichen, wo ich eine weitere Pilgerkirche besuchen möchte. Vielleicht finde ich dort eine Unterstellmöglichkeit, bei der ich einigermaßen geschützt meine Tasche öffnen und meine Fleecejacke hervorholen kann. Tatsächlich ist es nur noch ein Katzensprung bis zur Basilique Saint-Eutrope, wo ich mein tapferes Pony abstelle und erst einmal Schutz vor dem Regen suche. Die Kirche ist hell, klar, angenehm schmucklos. Ich mag die Schlichtheit. Eine Weile sitze ich in der Bank, Helm und Jacke neben mir. Es ist für eine Kirche recht warm und ich höre langsam auf zu schlottern. Ach wäre es schön, wenn ich nur kurz im Trockenen meine Packtaschen öffnen könnte. Nach gut 20 Minuten gehe ich wieder nach draußen. Und –Magic Moment – die Sonne strahlt mich an. Dankbar und glücklich, krame ich meine dickere Kleidung hervor und binde mir einen neuen Schal um. Als ich 5 Minuten später auf die Autobahn fahre, regnet es Bindfäden. Der Heilige Jakobus ist nicht nur Schutzpatron für die Pilger, sondern auch für das Wetter zuständig. Es scheint, als hatte er mit mir, einer heidnischen Wandersfrau, große Gnade.
L'eglise Saint-Eutrope






Selfie Point für Pilger

An das nasse Ambiente gewöhnt, traben wir steifbeinig durch den Tag. Ich hänge meinen Gedanken nach. Irgendwie hat die Dune du Pilat mich verzaubert. Die Macht der Natur ist mir ja wohl bekannt und entspricht auch meinem Glauben, doch diese Gewalt, in der die Düne erschien, fasziniert mich noch nachträglich. Es fühlte sich an, als hätte der Sand den Wind gemacht. Hätte alle Kraft zusammengenommen, um zu wirbeln und zu fliegen und sich in seiner Schwerfälligkeit fortzubewegen. Ich denke an Tolkien und seinen Herrn der Ringe und die Ents, die eigentlich wie Bäume aussehen und seit langer langer Zeit steif und lediglich vom Wind bewegt einem Ort stehen. Die sich plötzlich regen, in ihrem hölzernen, knorrigen Gerüst los marschieren, um gegen das Böse für ihre Rechte und ihr Überleben einzustehen. Vielleicht bäumt sich auch die Düne manchmal auf. Wirbelt ihr Gewand in die Luft und schlägt das Meer schaumig, befreit sich von den pieksenden Stiefelschritten und stechend grabenden Kinderhänden. Schüttelt die Zivilisation von sich um einmal wieder zu ihrem Recht zu kommen. Einfach nur Natur zu sein. Kein Rockstar, kein Zirkusclown, einfach nur Sein.

Gleich müsste ich die Autobahn in Richtung La Rochelle verlassen. An einer riesigen völlig überfüllten Raststätte kaufe ich zum Mittag einen Kaffee und einen neuen trockenen Schal. Die Wetter-App bestätigt anhaltend schlechtes Wetter. Wie wird es morgen sein? Oh dort hoch oben in der Bretagne könnte es sonnig werden. Da die Städte Carnac und Concarneau ohnehin auf meiner Prioritätenliste ganz oben stehen, beschließe ich, die Zähne zusammen zu beißen und das Scheißwetter ein für alle Mal abzuhängen. Obwohl es noch gut 400 Kilometer sind, steuere ich L’Orient als neues Ziel für diesen Tag an. 

Mehrere Tankstops, dichter Feierabendverkehr in Nantes und einige Baustellen lassen mich noch 7 lange Stunden auf der Autobahn bleiben. Ca. 30 Kilometer vor dem Ziel kaufe ich Baguette und Käse zum Abendessen und als ich mich bei der Rückkehr auf die Route Nationale verfahre, entdecke ich im nächsten Dorf einen komischen Hügel. Dass dort eine Kirche steht, ist wenig verwunderlich. Doch neben der Kirche und um den Hügel herum stehen weiße Statuen, die Kreuze zum Hügel tragen. In der wolkenverhangenen Abendstimmung mutet die Szenerie sehr deprimierend an. Immer diese Leidensthemen rund um Jesus. Anstrengend.



Ich wende und erreiche wenig später das Hotel f1 in L’Orient. Ein billiges Quartier, das von Truckern und anderen Durchreisenden aufgesucht wird. Wieder kein Zelt. Wieder kein romantisches Chambre d’Hôtes. Aber als ich mich nach 598 Kilometern Regenfahrt auf’s Bett fallen lasse, muss ich sogar schmunzeln. Langsam finde ich Gefallen an diesen Roadtrip-Absteigen. 2 Nächte werde ich hier bleiben. Und mit den ersten Sonnenstrahlen, wird die Bretagne mich als Pilger aufnehmen und mich auf meiner Wanderung an tolle Orte führen.


Kommentare:

  1. Hallo Polly! Soeben auf deine Seite gestossen, habe ich das gern gelesen! Deine Seite ist gebookmarkt, ich verfolge dich. ;-)
    Liebe Grüße aus Wien!

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    1. Oh danke sehr! Herzlich willkommen und viel Spaß auf unseren Reisen! :-)

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