Donnerstag, 27. Juli 2017

Biking & Hiking - 4. Kapitel: Die Düne

(c) Grafik Werkstatt "Das Original" Foto: (c) Jaimepaslart/Flickr State/Gettyy Images
In der Nacht wache ich einige Male auf. Immer wieder greife ich zu meinem Telefon und checke die Wetter-App. Für die ganze Region ist Regen angesagt und das soll sich auch in den nächsten Tagen nicht bessern. Ich überlege, wohin ich nun fahren soll, komme aber zu keinem Ergebnis. Als ich die ersten Aktivitäten im Hotel-Flur wahrnehme, ist es 7 Uhr. Ich drehe mich noch einmal um. Habe es nicht eilig. Um 8 Uhr finde ich mich im Frühstücksraum ein und bin von dem verhältnismäßig üppigen Buffet überrascht. Also genieße ich Croissant, Brioche, Käse, Honig, Joghurt und Obstsalat und schaue aus dem Fenster, wo mein tapferes Pony im Regen vor sich hin friert. „Das ist ja nicht das beste Wetter für eine Motorradtour“, spricht mich mein Tischnachbar an. Es ist einer der Männer, die mir schon gestern Abend begegnet waren. Typ Geschäftsreisender, gepflegte Erscheinung, Jeans, Poloshirt, dunkle Haare, gebräunte Haut. „Ouais“, antworte ich mit meinem normannischen Jargon (sprich ‚Ouää‘), „c‘est pas terrible.“ Zwar meint „terrible“ auch in der französischen Sprache eigentlich „furchtbar“, aber in bestimmten Zusammenhängen dreht sich die Bedeutung um. Auch wenn ich mit diesem ländlichen Slang weniger gebildet erscheine, mag ich es, mich abseits des Schulbuches als sprachlicher Insider zu outen. "Ich dachte, in Südfrankreich sei es im Sommer immer warm", klage ich. "Nun ja, an der Côte d'Azur stimmt das", meint er grinsend. "Aber hier in den Pyrenäen kann man sich darauf nicht verlassen. Bis Sonntag wird das nichts mehr." Na toll, heute ist Mittwoch. Wir plaudern also über das Wetter, bis er schließlich sein Frühstück beendet hat und mir bon voyage und bon courage wünscht. Ich gieße mir eine dritte Tasse Tee ein und befrage erneut die Wetter-App. Könnte ja sein, dass sich die Wolken umentscheiden. Und tatsächlich: Um 11.30 Uhr soll es eine trockene Periode geben. Ich packe meine Taschen und setze mich wasserdicht verpackt wartend an mein Zimmerfenster. Als es nur heller wird, flitze ich raus, belade mein Motorrad und fahre tatsächlich mit einigen Sonnenstrahlen los. 
Endlich Abfahrt aus Albi!

Da ich es eilig habe, vor dem abendlichen Gewitter irgendwo zu sein, nehme ich die Autoroute über Toulouse in Richtung Bordeaux. Das Wasser kommt hauptsächlich von unten. Ich fahre dem Regen hinterher. Trotz der Enttäuschung, dass ich nun schon wieder auf Schnellstraßen unterwegs bin, lasse ich mir die Laune nicht verderben. Es ist mir sogar gegönnt, mich meiner Regenhose zu entledigen und meinen mittäglichen Salat im Sonnenschein zu essen. Kurz vor Bordeaux halte ich noch einmal an, um etwas zu trinken. Um mich herum brauen sich dunkle Wolken zusammen. Aus der Ferne höre ich den Donner grummeln. Die App zeigt, dass ich genau zwischen zwei Gewittern hocke, die sich hier treffen werden. Wenn ich mich beeile, könnte ich dem entkommen. In Windeseile ziehe ich meine Regenhose an und springe auf mein tapferes Pony. Laut schnalzend treibe ich es an. Es gibt sich alle Mühe, gegen den Wind anzulaufen. Es blitzt links und rechts, doch voraus ist der Himmel hell. Wir schaffen es nicht. Binnen weniger als zwei Minuten geht ein Platzregen sondergleichen herunter. Alles steht unter Wasser, durch den Niederschlag einerseits und das aufspritzende Wasser andererseits ist die Sicht gleich Null. Mit hektischen Scheibenwischern schleichen die Autos über die Autobahn. Motiviert von dem hellen Himmel in der Ferne halte ich durch und nach 5 Minuten ist der Spuk vorbei. Im Fahrtwind schüttle ich mir das Wasser von der Kleidung, winde mich durch den Berufsverkehr in Bordeaux und nehme Kurs auf das Bassin d‘Arcachon. Hier steht die größte Wanderdüne Europas. Die möchte ich mir heute ansehen. Dass wir uns der Küste nähern, lässt sich nicht mehr verheimlichen. Der Wind bläst gewaltig. Manchmal fällt es mir schwer, überhaupt 90 km/h zu fahren. Unsere große Angriffsfläche lässt uns schwerfällig hin und her schaukeln. Ich bleibe hinter den LKWs, die alle langsam über die Autoroute schwanken und nehme, wenn vorhanden, sogar die Spur für „vehicules lents“, langsame Fahrzeuge.

Ponies und Pollies
fressen am liebsten Karotten.
Als wir nach 358 Kilometern schließlich am Informationszentrum ankommen, ist es trocken, sonnig und leicht windig. Ich stelle mein Motorrad auf einen eigens beschilderten Parkplatz, schließe Helm und Jacke am Bike fest und stapfe mit meiner Kamera bewaffnet in Richtung Meer. Der Ort ist reichlich besucht. Die Stimmung ist fröhlich und lebhaft. Als ich aus einem kleinen Waldstück heraus komme, steht sie plötzlich vor mir: Wahnsinn!! Damit hatte ich nicht gerechnet. So richtig vorbereitet hatte ich mich auf die Dune du Pilat nicht. Jedenfalls hatte ich mir keine Informationen über deren Größe beschafft. Umso erstaunter bin ich, als ich in diese Kulisse eintrete. Mit einer Größe von 110 Metern Höhe, 500 Metern Breite und 2,7 Kilometern Länge ist der Sandhaufen schon amtlich. Die Dünen an Dänemarks Nordseeküste sind Miniaturwunderland dagegen. 

Ich stapfe also die Ostkante hinauf. Je höher ich komme, desto schärfer wird der Wind. Nichts hier oben ist wirklich gemütlich. Der Weg ist beschwerlich, der Sturm wirbelt Sand in Augen, Haare und Rucksäcke. Kleine Kinder werden in ihre Kapuzen gewickelt und schreien aus Angst. Fotos sind fast unmöglich – wer hier seine Kamera aus der Tasche zieht, riskiert einen teuren Schaden. Das Licht ist gleißend; das Meer sieht man kaum. Zum Verweilen lädt dieser laute Ort nicht ein. Trotzdem spüre ich hier oben etwas, was ich im Alltag selten erlebe. Die Menschen stehen im wahrsten Sinne über den Dingen. In dem Wissen, dass sie an der Situation nichts ändern können, aber mit der Gewissheit, dass sie hier einen besonderen Moment erleben, nehmen sie das Tohuwabohu mit großer Gelassenheit hin. Eine Eigenart, die ich selbst ganz gut beherrsche, die ich aber in meinem Umfeld oft vermisse. Doch auf der Düne scheinen alle irgendwie Verbündete zu sein. Wir lächeln uns verschwörerisch zu. Wir genießen gemeinsam den Lohn für die Tortur: Einen wahnsinnig schönen Ausblick auf einen Wald bis zum Horizont. In der Ferne glitzert das Bassin von Arcachon. Ich fühle mich der Sonne so nah, dass sie mich wärmend einhüllt. Ich bin bezaubert. In den nächsten Tagen werde ich die Magie der Düne noch anders erleben.

Oha!



Wald soweit das Auge reicht.
Ich vermute, dass die Wanderdüne auch schon jede Menge Bäume unter sich versteckt.
Hoffentlich wird mein Zelt nicht über Nacht verschüttet.
Am Horizont der Atlantik















Nach ca. 15 Minuten steige ich wieder hinunter. Ich kaue knirschend auf Sand und kratze mir die Körnchen von der Kopfhaut. Zurück am Motorrad suche ich nach einem Campingplatz in der Nähe und steuere ein Terrain an, das auch Hütten und "Tentes equipées" (Hauszelte) anbietet. Bei der aktuellen Wettervorhersage habe ich ich lieber einen stabilen Rahmen um mein Bett. Tatsächlich habe ich Glück und bekomme ein Zelt für 2 Nächte. Es braucht allerdings zwei Anläufe, bevor ich mein Domizil beziehen kann. Das erste Zelt Nr. W3 steht mitten im Sand. So, als wäre man direkt am Strand. Für Autos liegen dicke Gummi-Gitter aus, auf denen geparkt werden kann. Mit Glück hat man am Folgetag darauf genügend Grip um sich aus dem Sand zu pflügen. Mein Motorrad kann da unmöglich Halt finden. Enttäuscht fahre ich zurück zur Rezeption. Die Dame lacht ein wenig ironisch. "Il y a de la sable par tout!" klärt sie mich auf. Ob es denn kein Fleckchen ohne Sand gäbe, frage ich nachdrücklich. Ansonsten müsste ich stornieren und ein anderes Domizil finden. Nach einigem Hin und Her händigt sie mir den Schlüssel für H8 aus. Auch hier ist der Boden locker, aber nicht ganz so tief. Das müsste mit meiner kleinen Gummi-Matte gehen, die ich seit Evreux im Gepäck habe. Zunächst einmal nehme ich die Taschen vom Bike, stelle sie ins Haus und flitze noch einmal los, um vor Geschäftsschluss den Supermarkt aufzusuchen. Noch immer scheint die Sonne und anstatt meiner dicken Wetter-Jacke ziehe ich meine kleine Sommerlederjacke über. Wie leicht ich mich mich fühle!

Beim Super U lasse ich Salat, Oliven. Käse und Brot in meinen Einkaufskorb fallen. Dazu Obst und eine Mini-Flasche Rosé. Ich packe noch ein Sixpack Wasser ein, zahle und mache mich auf dem Heimweg. Leider verpasse ich eine Abzweigung und fahre einen Umweg von wenigen Kilometern, die mir zum Verhängnis werden. Eine starke Böe weht schwarze Wolken herbei und es fängt an zu gießen. Na super! In 5 Minuten wäre ich am Campingplatz. 

Sicher ist sicher!
An meinem Hauszelt angekommen, parke ich das tapfere Pony im Sand. Inzwischen ist Sturm - wirklich Sturm in Norddeutscher Definition. In der Ferne höre ich den Donner grollen. Unglücklich betrachte ich die Situation. Was ist, wenn der Sand nicht hält und mein Motorrad heute Nacht einfach umweht? Kurzerhand nehme ich meine Zurrgurte zur Hilfe und binde mein kostbares Gut an Haus und Baum fest. In der Nacht werde ich noch mehrmals aufstehen und nach dem Rechten schauen. 

Nach einem köstlichen Abendessen und heißem Tee breite ich meinen Schlafsack aus und lege mich auf das gar nicht mal so unbequeme Bett. Das Unwetter ist inzwischen genau über uns. Taghelle Blitze und lautes Krachen sind von heftigen Regenfällen begleitet. Der Holzrahmen meiner Herberge wirkt zwar sehr stabil, dennoch weiß ich nicht, was passiert, wenn der Blitz einschlägt oder der nebenstehende Baum umfällt. Im Info-Flyer zum Campingplatz steht geschrieben, dass das Terrain bei Überschwemmungen evakuiert würde und man den Anweisungen der Retter folgen müsse. Das käme nicht häufig vor, sei bei starkem Regen aber möglich. Ich stelle meine Kameratasche mit allen Wertgegenständen neben mir auf’s Bett, damit ich das Wichtigste bei mir habe, sollte ich fliehen müssen. Über einem Hörbuch nicke ich immer wieder ein. Allerdings bleibe ich sensibel auf Geräusche und schaue immer wieder nach dem Bike.

Alarmstufe gelb!
Als die Nacht endlich zu Ende ist, koche ich mir Tee und lege mich sofort wieder hin. Es gewittert und regnet, gewittert und regnet. Ich schreibe Tagebuch, lese, döse vor mich hin. Irgendwann beschließe ich, mir die Haare zu färben. Das Produkt hatte ich mir gestern im Supermarkt mitgenommen. So verbringe ich den Vormittag mit kosmetischen Eingriffen, zu denen ich lange nicht gekommen bin. Die Camping-Duschen sind wundervoll. In luftig überdachten Kabinen dampft es heiß aus der Brause und trotzdem rieche ich den Wald und die salzige Luft. Mitten am Tag ist hier niemand und ich lasse mir Zeit. Verschönert und vergnügt trete ich aus dem Waschraum und WUSCH – nach einer Sekunde bin ich verregnet und versandet. Das hat ja nicht lange gehalten. Nach einem kurzen Schreck finde ich das so witzig, das ich laut lachend durch die Fluten zum zu meinem Tente Equipée springe. Hinter den Vorhängen einiger Wohnwagen schauen die Nasen meiner Nachbarn nach dem Lärm. Die meisten Camper halten es heute wie ich und bleiben drinnen. Was die wohl machen? Karten spielen mit den Kindern? Surfer-Zeitschriften lesen? Fernsehen? Kuscheln und Sex? Sich gegenseitig auf die Nerven gehen? 
Regen, ...
... Sturm und Regen....

Auch am Zelt - Die Düne hat mich immer im Blick.









































Ich besteche den Regengott und es hilft. Ab und zu werden die Wolken lichter. Dem Lagerkoller entfliehend nehme ich leichtes Marschgepäck auf den Rücken und den Pilgerstab zur Hand und laufe einfach los. Am Strand ist es noch immer sehr sandig und nass werde ich auch ab und zu. Aber die 2 Stunden Auslauf auf 9 Kilometern Wanderung sind heilsam. Und so nimmt der verkorkste Tag doch noch ein gutes Ende. Das Abendessen aus Salat, Käse, Baguette und Tee tun ihr Übriges. Mit mehr Vertrauen zu meiner kleinen Hütte schlafe ich auch besser. Für morgen ist Gewitter angesagt.

Endlich Auslauf!


Am Ende des Tages sind die Füße dreckig, das Haar zerzaust und die Augen.... die glänzen verzaubert.




Kommentare:

  1. Einen Regentag kann man doch wunderbar mit (Polly's Reisetagebuch-) Lesen, guten Gesprächen, Essen (und dessen Zubereitung) und... träumen verbringen. Ich bin schon Jahrzehnte nicht mehr bei und auf der Düne gewesen. Seitdem ist diese bestimmt viele Meter weiter gewandert.
    Ich hoffe, der Sturm hat Dir keinen Sand ins Getriebe geweht.

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    1. Das hoffe ich auch. Das tapfere Pony musste die Tage sehr tapfer sein....

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  2. Erster Gedanke: Nee, bei DEM Wetter kommt kein Urlaubsfeeling bei mir auf...
    Aber um den Besuch der Düne und sogar um das Windgeschüttel und Regengeplatsche im Hauszelt beneide ich dich! *dicker Seufzer* :-)

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