Sonntag, 30. Juli 2017

Biking & Hiking - 5. Kapitel: Von der Düne zu den Druiden

Ich habe beschlossen, glücklich zu sein - es ist gut für die Gesundheit. Voltaire

Mein Wecker reißt mich um 6 Uhr aus einer stürmischen Nacht. Erholt bin ich nicht, am Morgen danach. Es nützt nichts, ich kann nicht bleiben. Die üblichen Rituale folgen, doch bevor ich mein tapferes Pony belade, hole ich mir einen großen Eimer Wasser und spüle großzügig den Sand von meinem Motorrad. Ich mache mir wirklich Sorgen, dass irgendwo Körner sind, die dort Schaden anrichten könnten. Aber momentan kann ich nichts anderes tun, als mit reichlich Wasser das Gröbste wegzuschwemmen.

... wirklich überall.
Sand überall....





















Ab 8 Uhr darf ich auschecken und bin pünktlich an der Rezeption, die jedoch noch geschlossen ist. Ich gehe gegenüber in die Boutique für Dinge des täglichen Bedarfs und frage, was ich mit dem Schlüssel machen soll. Die Kassiererin sagt, ich könne ihn einfach in den Briefkasten werfen. Ich bedanke mich und will gerade los, da spricht mich ein älterer Herr an, dessen Frau eine Tüte Croissants bezahlt. „Das ist ja nicht das richtige Wetter für eine Motorrad-Tour.“ Ja doch, denke ich genervt. Weiß ich wohl. Ich lächle, nicke und will den Laden verlassen. „Woher kommen Sie?“ setzt er nach. „Aus Deutschland.“ erwidere ich kurz. Er lässt nicht locker. Woher ich käme und dass er seit 26 Jahren Freunde aus der Nähe von Hamburg habe, die jedes Jahr zum Camping hierher kämen. Und dass er auch früher Motorrad gefahren sei und …. Die Verkäuferin schmunzelt und schaut mich mitleidig an. Der Mann zieht eine Tageszeitung aus dem Ständer. Ein Boulevardblatt, das die Wettervorhersage groß auf der ersten Seite zeigt. „Schauen Sie, bis Sonntag hängt der Regen in der ganzen Region“ Oui, je sais. Er nimmt eine andere Zeitung. „Sehen Sie, die sagen das Gleiche.“ Ja, Herrgott, und es ändert gar nichts, wenn er noch länger darauf herumreitet!! Ich lächle noch immer, wünsche Bonne Journée und verdrücke mich. Ich kann einfach nicht gut unhöflich sein und schlucke viele boshafte Gedanken weg. Bestimmt hat er es nur gut gemeint. Kann ja nichts dafür, dass ich ein Morgenmuffel bin und meine Stimmung verhagelt.

Au revoir Dune du Pilat
Mein heutiges Ziel ist La Rochelle in 250 Kilometern Entfernung. Die Tochter des Wikingers wohnt dort und so will ich mir das hübsche Städtchen einmal ansehen. Wieder nehme ich die mautfreie Autoroute und vermeide damit, bei dem Wetter durch die zahllosen Kreisverkehre zu glitschen. Außerdem komme ich einfach schneller voran. So rolle ich vor mich hin und als mein erster Schal durchgeweicht ist, fange ich an zu frieren. Bald werde ich Saintes erreichen, wo ich eine weitere Pilgerkirche besuchen möchte. Vielleicht finde ich dort eine Unterstellmöglichkeit, bei der ich einigermaßen geschützt meine Tasche öffnen und meine Fleecejacke hervorholen kann. Tatsächlich ist es nur noch ein Katzensprung bis zur Basilique Saint-Eutrope, wo ich mein tapferes Pony abstelle und erst einmal Schutz vor dem Regen suche. Die Kirche ist hell, klar, angenehm schmucklos. Ich mag die Schlichtheit. Eine Weile sitze ich in der Bank, Helm und Jacke neben mir. Es ist für eine Kirche recht warm und ich höre langsam auf zu schlottern. Ach wäre es schön, wenn ich nur kurz im Trockenen meine Packtaschen öffnen könnte. Nach gut 20 Minuten gehe ich wieder nach draußen. Und –Magic Moment – die Sonne strahlt mich an. Dankbar und glücklich, krame ich meine dickere Kleidung hervor und binde mir einen neuen Schal um. Als ich 5 Minuten später auf die Autobahn fahre, regnet es Bindfäden. Der Heilige Jakobus ist nicht nur Schutzpatron für die Pilger, sondern auch für das Wetter zuständig. Es scheint, als hatte er mit mir, einer heidnischen Wandersfrau, große Gnade.
L'eglise Saint-Eutrope






Selfie Point für Pilger

An das nasse Ambiente gewöhnt, traben wir steifbeinig durch den Tag. Ich hänge meinen Gedanken nach. Irgendwie hat die Dune du Pilat mich verzaubert. Die Macht der Natur ist mir ja wohl bekannt und entspricht auch meinem Glauben, doch diese Gewalt, in der die Düne erschien, fasziniert mich noch nachträglich. Es fühlte sich an, als hätte der Sand den Wind gemacht. Hätte alle Kraft zusammengenommen, um zu wirbeln und zu fliegen und sich in seiner Schwerfälligkeit fortzubewegen. Ich denke an Tolkien und seinen Herrn der Ringe und die Ents, die eigentlich wie Bäume aussehen und seit langer langer Zeit steif und lediglich vom Wind bewegt einem Ort stehen. Die sich plötzlich regen, in ihrem hölzernen, knorrigen Gerüst los marschieren, um gegen das Böse für ihre Rechte und ihr Überleben einzustehen. Vielleicht bäumt sich auch die Düne manchmal auf. Wirbelt ihr Gewand in die Luft und schlägt das Meer schaumig, befreit sich von den pieksenden Stiefelschritten und stechend grabenden Kinderhänden. Schüttelt die Zivilisation von sich um einmal wieder zu ihrem Recht zu kommen. Einfach nur Natur zu sein. Kein Rockstar, kein Zirkusclown, einfach nur Sein.

Gleich müsste ich die Autobahn in Richtung La Rochelle verlassen. An einer riesigen völlig überfüllten Raststätte kaufe ich zum Mittag einen Kaffee und einen neuen trockenen Schal. Die Wetter-App bestätigt anhaltend schlechtes Wetter. Wie wird es morgen sein? Oh dort hoch oben in der Bretagne könnte es sonnig werden. Da die Städte Carnac und Concarneau ohnehin auf meiner Prioritätenliste ganz oben stehen, beschließe ich, die Zähne zusammen zu beißen und das Scheißwetter ein für alle Mal abzuhängen. Obwohl es noch gut 400 Kilometer sind, steuere ich L’Orient als neues Ziel für diesen Tag an. 

Mehrere Tankstops, dichter Feierabendverkehr in Nantes und einige Baustellen lassen mich noch 7 lange Stunden auf der Autobahn bleiben. Ca. 30 Kilometer vor dem Ziel kaufe ich Baguette und Käse zum Abendessen und als ich mich bei der Rückkehr auf die Route Nationale verfahre, entdecke ich im nächsten Dorf einen komischen Hügel. Dass dort eine Kirche steht, ist wenig verwunderlich. Doch neben der Kirche und um den Hügel herum stehen weiße Statuen, die Kreuze zum Hügel tragen. In der wolkenverhangenen Abendstimmung mutet die Szenerie sehr deprimierend an. Immer diese Leidensthemen rund um Jesus. Anstrengend.



Ich wende und erreiche wenig später das Hotel f1 in L’Orient. Ein billiges Quartier, das von Truckern und anderen Durchreisenden aufgesucht wird. Wieder kein Zelt. Wieder kein romantisches Chambre d’Hôtes. Aber als ich mich nach 598 Kilometern Regenfahrt auf’s Bett fallen lasse, muss ich sogar schmunzeln. Langsam finde ich Gefallen an diesen Roadtrip-Absteigen. 2 Nächte werde ich hier bleiben. Und mit den ersten Sonnenstrahlen, wird die Bretagne mich als Pilger aufnehmen und mich auf meiner Wanderung an tolle Orte führen.


Donnerstag, 27. Juli 2017

Biking & Hiking - 4. Kapitel: Die Düne

(c) Grafik Werkstatt "Das Original" Foto: (c) Jaimepaslart/Flickr State/Gettyy Images
In der Nacht wache ich einige Male auf. Immer wieder greife ich zu meinem Telefon und checke die Wetter-App. Für die ganze Region ist Regen angesagt und das soll sich auch in den nächsten Tagen nicht bessern. Ich überlege, wohin ich nun fahren soll, komme aber zu keinem Ergebnis. Als ich die ersten Aktivitäten im Hotel-Flur wahrnehme, ist es 7 Uhr. Ich drehe mich noch einmal um. Habe es nicht eilig. Um 8 Uhr finde ich mich im Frühstücksraum ein und bin von dem verhältnismäßig üppigen Buffet überrascht. Also genieße ich Croissant, Brioche, Käse, Honig, Joghurt und Obstsalat und schaue aus dem Fenster, wo mein tapferes Pony im Regen vor sich hin friert. „Das ist ja nicht das beste Wetter für eine Motorradtour“, spricht mich mein Tischnachbar an. Es ist einer der Männer, die mir schon gestern Abend begegnet waren. Typ Geschäftsreisender, gepflegte Erscheinung, Jeans, Poloshirt, dunkle Haare, gebräunte Haut. „Ouais“, antworte ich mit meinem normannischen Jargon (sprich ‚Ouää‘), „c‘est pas terrible.“ Zwar meint „terrible“ auch in der französischen Sprache eigentlich „furchtbar“, aber in bestimmten Zusammenhängen dreht sich die Bedeutung um. Auch wenn ich mit diesem ländlichen Slang weniger gebildet erscheine, mag ich es, mich abseits des Schulbuches als sprachlicher Insider zu outen. "Ich dachte, in Südfrankreich sei es im Sommer immer warm", klage ich. "Nun ja, an der Côte d'Azur stimmt das", meint er grinsend. "Aber hier in den Pyrenäen kann man sich darauf nicht verlassen. Bis Sonntag wird das nichts mehr." Na toll, heute ist Mittwoch. Wir plaudern also über das Wetter, bis er schließlich sein Frühstück beendet hat und mir bon voyage und bon courage wünscht. Ich gieße mir eine dritte Tasse Tee ein und befrage erneut die Wetter-App. Könnte ja sein, dass sich die Wolken umentscheiden. Und tatsächlich: Um 11.30 Uhr soll es eine trockene Periode geben. Ich packe meine Taschen und setze mich wasserdicht verpackt wartend an mein Zimmerfenster. Als es nur heller wird, flitze ich raus, belade mein Motorrad und fahre tatsächlich mit einigen Sonnenstrahlen los. 
Endlich Abfahrt aus Albi!

Da ich es eilig habe, vor dem abendlichen Gewitter irgendwo zu sein, nehme ich die Autoroute über Toulouse in Richtung Bordeaux. Das Wasser kommt hauptsächlich von unten. Ich fahre dem Regen hinterher. Trotz der Enttäuschung, dass ich nun schon wieder auf Schnellstraßen unterwegs bin, lasse ich mir die Laune nicht verderben. Es ist mir sogar gegönnt, mich meiner Regenhose zu entledigen und meinen mittäglichen Salat im Sonnenschein zu essen. Kurz vor Bordeaux halte ich noch einmal an, um etwas zu trinken. Um mich herum brauen sich dunkle Wolken zusammen. Aus der Ferne höre ich den Donner grummeln. Die App zeigt, dass ich genau zwischen zwei Gewittern hocke, die sich hier treffen werden. Wenn ich mich beeile, könnte ich dem entkommen. In Windeseile ziehe ich meine Regenhose an und springe auf mein tapferes Pony. Laut schnalzend treibe ich es an. Es gibt sich alle Mühe, gegen den Wind anzulaufen. Es blitzt links und rechts, doch voraus ist der Himmel hell. Wir schaffen es nicht. Binnen weniger als zwei Minuten geht ein Platzregen sondergleichen herunter. Alles steht unter Wasser, durch den Niederschlag einerseits und das aufspritzende Wasser andererseits ist die Sicht gleich Null. Mit hektischen Scheibenwischern schleichen die Autos über die Autobahn. Motiviert von dem hellen Himmel in der Ferne halte ich durch und nach 5 Minuten ist der Spuk vorbei. Im Fahrtwind schüttle ich mir das Wasser von der Kleidung, winde mich durch den Berufsverkehr in Bordeaux und nehme Kurs auf das Bassin d‘Arcachon. Hier steht die größte Wanderdüne Europas. Die möchte ich mir heute ansehen. Dass wir uns der Küste nähern, lässt sich nicht mehr verheimlichen. Der Wind bläst gewaltig. Manchmal fällt es mir schwer, überhaupt 90 km/h zu fahren. Unsere große Angriffsfläche lässt uns schwerfällig hin und her schaukeln. Ich bleibe hinter den LKWs, die alle langsam über die Autoroute schwanken und nehme, wenn vorhanden, sogar die Spur für „vehicules lents“, langsame Fahrzeuge.

Ponies und Pollies
fressen am liebsten Karotten.
Als wir nach 358 Kilometern schließlich am Informationszentrum ankommen, ist es trocken, sonnig und leicht windig. Ich stelle mein Motorrad auf einen eigens beschilderten Parkplatz, schließe Helm und Jacke am Bike fest und stapfe mit meiner Kamera bewaffnet in Richtung Meer. Der Ort ist reichlich besucht. Die Stimmung ist fröhlich und lebhaft. Als ich aus einem kleinen Waldstück heraus komme, steht sie plötzlich vor mir: Wahnsinn!! Damit hatte ich nicht gerechnet. So richtig vorbereitet hatte ich mich auf die Dune du Pilat nicht. Jedenfalls hatte ich mir keine Informationen über deren Größe beschafft. Umso erstaunter bin ich, als ich in diese Kulisse eintrete. Mit einer Größe von 110 Metern Höhe, 500 Metern Breite und 2,7 Kilometern Länge ist der Sandhaufen schon amtlich. Die Dünen an Dänemarks Nordseeküste sind Miniaturwunderland dagegen. 

Ich stapfe also die Ostkante hinauf. Je höher ich komme, desto schärfer wird der Wind. Nichts hier oben ist wirklich gemütlich. Der Weg ist beschwerlich, der Sturm wirbelt Sand in Augen, Haare und Rucksäcke. Kleine Kinder werden in ihre Kapuzen gewickelt und schreien aus Angst. Fotos sind fast unmöglich – wer hier seine Kamera aus der Tasche zieht, riskiert einen teuren Schaden. Das Licht ist gleißend; das Meer sieht man kaum. Zum Verweilen lädt dieser laute Ort nicht ein. Trotzdem spüre ich hier oben etwas, was ich im Alltag selten erlebe. Die Menschen stehen im wahrsten Sinne über den Dingen. In dem Wissen, dass sie an der Situation nichts ändern können, aber mit der Gewissheit, dass sie hier einen besonderen Moment erleben, nehmen sie das Tohuwabohu mit großer Gelassenheit hin. Eine Eigenart, die ich selbst ganz gut beherrsche, die ich aber in meinem Umfeld oft vermisse. Doch auf der Düne scheinen alle irgendwie Verbündete zu sein. Wir lächeln uns verschwörerisch zu. Wir genießen gemeinsam den Lohn für die Tortur: Einen wahnsinnig schönen Ausblick auf einen Wald bis zum Horizont. In der Ferne glitzert das Bassin von Arcachon. Ich fühle mich der Sonne so nah, dass sie mich wärmend einhüllt. Ich bin bezaubert. In den nächsten Tagen werde ich die Magie der Düne noch anders erleben.

Oha!



Wald soweit das Auge reicht.
Ich vermute, dass die Wanderdüne auch schon jede Menge Bäume unter sich versteckt.
Hoffentlich wird mein Zelt nicht über Nacht verschüttet.
Am Horizont der Atlantik















Nach ca. 15 Minuten steige ich wieder hinunter. Ich kaue knirschend auf Sand und kratze mir die Körnchen von der Kopfhaut. Zurück am Motorrad suche ich nach einem Campingplatz in der Nähe und steuere ein Terrain an, das auch Hütten und "Tentes equipées" (Hauszelte) anbietet. Bei der aktuellen Wettervorhersage habe ich ich lieber einen stabilen Rahmen um mein Bett. Tatsächlich habe ich Glück und bekomme ein Zelt für 2 Nächte. Es braucht allerdings zwei Anläufe, bevor ich mein Domizil beziehen kann. Das erste Zelt Nr. W3 steht mitten im Sand. So, als wäre man direkt am Strand. Für Autos liegen dicke Gummi-Gitter aus, auf denen geparkt werden kann. Mit Glück hat man am Folgetag darauf genügend Grip um sich aus dem Sand zu pflügen. Mein Motorrad kann da unmöglich Halt finden. Enttäuscht fahre ich zurück zur Rezeption. Die Dame lacht ein wenig ironisch. "Il y a de la sable par tout!" klärt sie mich auf. Ob es denn kein Fleckchen ohne Sand gäbe, frage ich nachdrücklich. Ansonsten müsste ich stornieren und ein anderes Domizil finden. Nach einigem Hin und Her händigt sie mir den Schlüssel für H8 aus. Auch hier ist der Boden locker, aber nicht ganz so tief. Das müsste mit meiner kleinen Gummi-Matte gehen, die ich seit Evreux im Gepäck habe. Zunächst einmal nehme ich die Taschen vom Bike, stelle sie ins Haus und flitze noch einmal los, um vor Geschäftsschluss den Supermarkt aufzusuchen. Noch immer scheint die Sonne und anstatt meiner dicken Wetter-Jacke ziehe ich meine kleine Sommerlederjacke über. Wie leicht ich mich mich fühle!

Beim Super U lasse ich Salat, Oliven. Käse und Brot in meinen Einkaufskorb fallen. Dazu Obst und eine Mini-Flasche Rosé. Ich packe noch ein Sixpack Wasser ein, zahle und mache mich auf dem Heimweg. Leider verpasse ich eine Abzweigung und fahre einen Umweg von wenigen Kilometern, die mir zum Verhängnis werden. Eine starke Böe weht schwarze Wolken herbei und es fängt an zu gießen. Na super! In 5 Minuten wäre ich am Campingplatz. 

Sicher ist sicher!
An meinem Hauszelt angekommen, parke ich das tapfere Pony im Sand. Inzwischen ist Sturm - wirklich Sturm in Norddeutscher Definition. In der Ferne höre ich den Donner grollen. Unglücklich betrachte ich die Situation. Was ist, wenn der Sand nicht hält und mein Motorrad heute Nacht einfach umweht? Kurzerhand nehme ich meine Zurrgurte zur Hilfe und binde mein kostbares Gut an Haus und Baum fest. In der Nacht werde ich noch mehrmals aufstehen und nach dem Rechten schauen. 

Nach einem köstlichen Abendessen und heißem Tee breite ich meinen Schlafsack aus und lege mich auf das gar nicht mal so unbequeme Bett. Das Unwetter ist inzwischen genau über uns. Taghelle Blitze und lautes Krachen sind von heftigen Regenfällen begleitet. Der Holzrahmen meiner Herberge wirkt zwar sehr stabil, dennoch weiß ich nicht, was passiert, wenn der Blitz einschlägt oder der nebenstehende Baum umfällt. Im Info-Flyer zum Campingplatz steht geschrieben, dass das Terrain bei Überschwemmungen evakuiert würde und man den Anweisungen der Retter folgen müsse. Das käme nicht häufig vor, sei bei starkem Regen aber möglich. Ich stelle meine Kameratasche mit allen Wertgegenständen neben mir auf’s Bett, damit ich das Wichtigste bei mir habe, sollte ich fliehen müssen. Über einem Hörbuch nicke ich immer wieder ein. Allerdings bleibe ich sensibel auf Geräusche und schaue immer wieder nach dem Bike.

Alarmstufe gelb!
Als die Nacht endlich zu Ende ist, koche ich mir Tee und lege mich sofort wieder hin. Es gewittert und regnet, gewittert und regnet. Ich schreibe Tagebuch, lese, döse vor mich hin. Irgendwann beschließe ich, mir die Haare zu färben. Das Produkt hatte ich mir gestern im Supermarkt mitgenommen. So verbringe ich den Vormittag mit kosmetischen Eingriffen, zu denen ich lange nicht gekommen bin. Die Camping-Duschen sind wundervoll. In luftig überdachten Kabinen dampft es heiß aus der Brause und trotzdem rieche ich den Wald und die salzige Luft. Mitten am Tag ist hier niemand und ich lasse mir Zeit. Verschönert und vergnügt trete ich aus dem Waschraum und WUSCH – nach einer Sekunde bin ich verregnet und versandet. Das hat ja nicht lange gehalten. Nach einem kurzen Schreck finde ich das so witzig, das ich laut lachend durch die Fluten zum zu meinem Tente Equipée springe. Hinter den Vorhängen einiger Wohnwagen schauen die Nasen meiner Nachbarn nach dem Lärm. Die meisten Camper halten es heute wie ich und bleiben drinnen. Was die wohl machen? Karten spielen mit den Kindern? Surfer-Zeitschriften lesen? Fernsehen? Kuscheln und Sex? Sich gegenseitig auf die Nerven gehen? 
Regen, ...
... Sturm und Regen....

Auch am Zelt - Die Düne hat mich immer im Blick.









































Ich besteche den Regengott und es hilft. Ab und zu werden die Wolken lichter. Dem Lagerkoller entfliehend nehme ich leichtes Marschgepäck auf den Rücken und den Pilgerstab zur Hand und laufe einfach los. Am Strand ist es noch immer sehr sandig und nass werde ich auch ab und zu. Aber die 2 Stunden Auslauf auf 9 Kilometern Wanderung sind heilsam. Und so nimmt der verkorkste Tag doch noch ein gutes Ende. Das Abendessen aus Salat, Käse, Baguette und Tee tun ihr Übriges. Mit mehr Vertrauen zu meiner kleinen Hütte schlafe ich auch besser. Für morgen ist Gewitter angesagt.

Endlich Auslauf!


Am Ende des Tages sind die Füße dreckig, das Haar zerzaust und die Augen.... die glänzen verzaubert.




Sonntag, 23. Juli 2017

Biking & Hiking - 3. Kapitel: Unter Geiern (mit Kirsten und Jimmy)

Kehre um Kehre dem Himmel entgegen
Ich breche nach einem kleinen Frühstück am Campingplatz auf. Ein paar Tage später werde ich von Jérôme hören, wie sehr er seine freie Zeit genossen hat und dann voller Energie zu Job und Familie zurückgekehrt ist. Das freut mich total. Jetzt aber habe ich erst einmal 178 Kilometer zu fahren und mir dazu die kleinsten Straßen ausgesucht, die die Landkarte hergibt. Zunächst einmal geht es den Canyon hinauf, den wir gestern schon erwandert haben. Die Spitzkehren nehme ich im zweiten Gang, manchmal muss ich in den ersten Gang schalten, damit mein kleiner Motor das Gewicht bergauf wieder ins Rollen bringt. Es macht riesig Spaß, nach den beiden Tagen auf der Autoroute einmal wieder aktiv mit dem Motorrad zu arbeiten. Langsam gewöhne ich mich auch an das schwere Gepäck. Nach der Reise werde ich wissen, dass ich einiges hätte zu Hause lassen können, aber das ist mir jetzt noch nicht klar. Auf dem Plateau ändert sich das Landschaftsbild. Während der Fels bewaldet ist, werden die Flächen hier oben überwiegend landwirtschaftlich genutzt. In der Sommersonne leuchten die goldgelben Felder und Gräser in zahlreichen Nuancen. Kurz vor den Ferien scheinen die Kommunen noch einmal die Straßen zu sanieren. „Für Ihre Sicherheit nehmen wir Reparaturarbeiten vor.“ prangt auf einem großen Schild. Die machen das mit Rollsplitt. Ich fahre 2 Stunden bei Tempo 40 km/h auf dem Teufelszeug. Die zahlreichen Warnschilder sind nicht ohne Berechtigung. Das lautstarke Geklimper und Geklacker unter meinem Bike bestätigt, dass die Gravillions erst frisch geschüttet wurden. Ich bin konzentriert und trotzdem fröhlich. Nur zwei oder drei Autos überholen mich. Ansonsten ist kaum eine Seele zu sehen. Bald bessert sich die Lage und ich trabe schneller voran. Die Sonne brennt und ich genieße den schönen Ausritt. Plötzlich macht mein Handy schlapp. An meinem Lenker habe ich eine wasserfeste Tasche, in die ich zur Navigation mein Téléphone Portable einstecke. Scheinbar wird das Gerät bei warmem Wetter darin so heiß, dass es den Betrieb einstellt. Also muss es in der luftigen Jackentasche erst einmal abkühlen. Ich krame mein Firmenhandy hervor und merke mir die wichtigsten Abzweigungen auf konventionelle Weise: Im Kopf. 

Bald erreiche ich erneut das Tal des Flusses Tarn. In starken Wendungen geht es den Canyon wieder hinab. Unzählige Schmetterlinge fliegen hier. Pock, pock, pock macht es gegen meinen Helm. Ich ziehe den Kopf ein vor lauter Schmerz, denn es tut mir viel mehr leid, die bunten Feen zu treffen als einen Schwarm lästiger Mücken. Obwohl ja eigentlich jedes Tier gleichen Respekt verdient. Aber die Mücken... naja. Leider sind die meisten Parkbuchten aus Schotter angelegt und ich mag meinen Cruiser da nicht parken. Letztes Jahr habe ich das gute Stück bei einem etwas ungeschickten Start auf Geröll umgekippt und das wäre mit dem Hausstand, den ich heute mitschleppe, etwas mühsam. Schließlich überzeugt dann doch ein hübsches Plätzchen. Ich halte in einer Kurve und krame meine Kamera hervor. Während ich ein paar Fotos mache, kommen zwei Motorradfahrer auf Straßenmaschinen vorbei. Wir grüßen uns und ich sehe, dass es Deutsche sind. Das Kennzeichen ist mir unbekannt. Gleich müssten sie durch die Kurve kommen, die ich voll ins Visier nehme. Ich warte schussbereit. Doch plötzlich höre ich keine Motorengeräusche mehr. Mist, die müssen zum Pinkeln irgendwo angehalten haben. Ich steige also wieder auf‘s Bike und rolle einige Hundert Meter an der Kante entlang als ich die beiden Biker in der nächsten Kehre entdecke. Ich halte an. „Hallo, wo kommt Ihr denn her?“ grüße ich. „Aus dem Schwarzwald!“ antworten die beiden und strahlen mich an. Das ist ein nettes Paar, denke ich. Zwei lebensfrohe Zeitgenossen mit lustigen Augen. Kurze zerzauste Haare, rote, erhitze Gesichter. Beide nicht sehr groß und rundlich. Genießer, das ist sympathisch. Die beiden sehen sich ähnlich, wie Hund und Herrchen einander ähneln, je länger sie zusammen sind. Ich nehme meinen Helm ab und die Dame beguckt mein tapferes Pony. „Moment Mal“, sagt sie, „aus Hamburg, mit einer VN900. Bist du etwa Polly?“ „Ja, das bin ich!“ rufe ich lachend und umarme sie vor Freude. Er schaut uns neugierig zu. „Das ist Polly, deren Blog lese ich immer.“ klärt sie ihren Mann auf. Sie stellen sich als Kirsten und Jimmy vor. „Als ich dich da eben stehen sah dachte ich, dein Mann wäre kurz im Gebüsch, während du ein paar Fotos schießt. Aber klar, Polly reist allein. Und da passt ja auch kein Zweiter mehr drauf.“ Sie betrachtet den Berg auf meinem Rücksitz und entdeckt die Pilgerstäbe. Jaja, so sähe man, dass ich eine Reisende sei. Ich erkläre, warum es zwei Stück sind und Kirsten nickt verständnisvoll. Ich habe das Gefühl, sie kennt mich besser als manch anderer Mensch in meinem direkten Umfeld. Wir klönen über Motorräder, Frankreich und Dies und Das. Auch die beiden sind Reisende. Haben sich einen Pferdetransporter zum Wohnmobil umgebaut und nehmen die Motorräder einfach mit. Sie folgen der Sonne, wohin auch immer die sie führt. Echte Gefährten. Ich schließe die beiden in mein Herz. Plötzlich deutet Jimmy auf die gegenüberliegende Felskante:"Schaut mal, da oben Kreisen die Geier." "Ja, 2, nein 3, oh es sind ganz viele!!" Schweigend und verzaubert schauen wir in den Himmel und beobachten die großen Vögel, die seit einigen Jahren in den Cevennen wieder angesiedelt wurden. Nachdem in den 40er Jahren die Ausrottung vollendet war, werden im Biosphärenreservat inzwischen Schmutz-, Gänse- und Mönchsgeier geschützt. Um den Erhalt und die Fortpflanzung zu unterstützen, organisieren die Franzosen eine Bewachung der Nester und die Zugabe von Futter. Leider können die Tiere hier zur Zeit (noch) nicht selbständig überleben, da die Tierherden in der Region längst nicht mehr so groß sind, wie vorher und entsprechend wenig Kadaver zur Verfügung stehen. Ich denke an die zahlreichen Dachse, Kaninchen und anderes Wild, das dem Straßenverkehr zum Opfer fällt. Da kommt schon etwas Fleisch zusammen. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass die großen Geier sich nicht so nah an die Straßen begeben. Krähen sind da entspannter. Die hocken sich auf einen Zaun und warten, bis ein Auto kommt. Anschließend sammeln sie die Nahrung einfach vom Asphalt.  Als Jimmy erwähnt, dass auch sie eigentlich zu einem Picknick angehalten haben, spüre ich, dass ich Hunger habe. Es wird Zeit, irgendwo Futter für mich und mein tapferes Pony zu besorgen. Wir verabschieden uns und Jimmy schiebt sogar noch ein Motorrad beiseite, damit ich bequemer auf die befestigte Piste holpern kann. Vielen Dank! Ich schlängele mich die Straße herab. Es fühlt sich an wie damals im Yosemite Nationalpark in Nordkalifornien. Wald, Wasser, Felsen und jede Menge Sauerstoff. Warum nach Amerika reisen, wenn auch Europa so wunderschöne Ecken zu entdecken hat.

In Millau halte ich an einem Carrefour Market und kaufe Baguette, Obst und Karottensalat sowie diverse Getränke. In der Elektroabteilung packe ich noch ein Paket Kabelbinder in den Einkaufskorb, um Reserven für meine Wanderstöcke zu haben. Ich picknicke auf dem Parkplatz und klöne mit einem Mann, der auch einmal ein Motorrad hatte. Franzosen, die mein Bike sehen, fragen immer, ob es eine Harley sei und schauen enttäuscht, wenn ich auf Kawasaki verweise. Ich erkläre dann, dass mein Motorrad ausgesprochen treu und wartungsarm ist und nicht ständig „en panne“ fällt. Männer, die mich ohne mein tapferes Pony, aber in Klamotte sehen, fragen immer, ob ich eine BMW fahre. Für Franzosen scheint es im Wesentlichen HD und BMW zu geben. Eine allein reisende Frau scheint jedoch ausgesprochen selten zu sein und auch das wird immer wieder kommentiert. Ich mache mich wieder auf den Weg und sehe von weitem das Viaduc de Millau, die größte Schrägseilbrücke der Welt. Ich bewundere es stumm, finde aber im Feierabendverkehr keine spontane Möglichkeit für ein Foto. Irgendwie ist es mir auch nicht wichtig genug.

Bald erreiche ich Albi. Eine wirklich zauberhafte Stadt, die das Museum des Malers Henri de Toulouse-Lautrec beherbergt. Ich habe einige Drucke von ihm zu Hause hängen. Am liebsten mag ich das Gemälde eines Pferdes mit seinem Reiter, einem Soldaten. Der Schimmel erinnert mich an meine kleine Araberstute, mit der ich viele Jahre zusammen lebte. Das Bild einmal im Original zu sehen, interessiert mich sehr. O. mag die kurvige Damenwelt, die der Maler neben den Pferden bevorzugt abgebildet hat. Ich werde ihm Fotos schicken. Im Museum bleibe ich fast 2 Stunden bis zur Schließung. Dann gehe ich nebenan in die berühmte Kathedrale von Albi. Ein Kollege hatte mir das imposante Bauwerk empfohlen, so dass ich mich beeile, es noch zu besichtigen. Wind ist aufgezogen und hinter der Stadt brauen sich schwarze Wolken zusammen. Ich habe noch keinen Unterschlupf für die Nacht. Werde ich überhaupt campen können? Die römisch-katholische Sankt Cäcilia-Kathedrale ist eine der größten Backsteinkirchen der Welt. Der Innenraum zeigt sich unglaublich reich an Verzierungen. Ich weiß vor lauter Overdose gar nicht wohin ich blicken soll. Normannische Kathedralen, und vor allem die in Rouen, sind trotz - oder wegen? - ihrer Größe immer wieder furchteinflößend und erdrückend. Doch hier im Süden treffe ich auf farbenfrohe Wanddekorationen und Mosaike. Eve hatte mir erzählt, dass man glaubt, die farbigen Fenster kämen aus Spanien und die Mosaike von den Arabern. Bei der zweiten These betonte sie mehrfach, dass dies umstritten sei. Vielleicht muss man als Guide in Frankreich heutzutage diskret sein und eine Verknüpfung der arabischen Länder mit der Kirchenarchitektur ist ein delikates Thema. Ich denke an Ken Follet's Säulen der Erde und glaube unbenommen, dass Reisende Einfluss bekommen und dann die Schönheit anderer Kulturen auch in ihren eigenen Bauten einsetzen. Warum auch nicht? Der Bau der Kirche hat von 1282 bis 1492 gedauert. Über 200 Jahre!

Was für ein Antrieb, Visionen zu Zielen zu machen und die Ziele umzusetzen, selbst wenn die Erreichung unmöglich erscheint. Es ist der Glaube an die Erfüllung, der uns antreibt und die folgenden Generationen mitreißt.

Der Wind hat sich in einen gewittrigen Sturm gewandelt und ich laufe zu meinem Motorrad, ohne mir noch die Zeit zu nehmen, die Kirche von außen abzulichten. Schnell suche ich im Internet nach einem Hotel und finde in 4 Kilometern Entfernung ein ibis Budget. Kaum rolle ich los, fängt es an zu gießen. Mist! Klatschnass stürze ich in das Hotel, wo schon einige Männer an der Rezeption Schlange stehen. Ich zähle 7 Personen. Hoffentlich sind noch so viele Zimmer verfügbar. Ich spiele meinen Bonus als Frau aus, nehme den von mir inzwischen gut beherrschten französischen Verhandlungs-Singsang ein und frage in Richtung Tresen: „Guten Abend Monsieur, bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie in Ihrer Tätigkeit unterbreche. Erlauben Sie mir doch die kleine Nachfrage, ob Sie nach dem freundlichen Empfang der Herren vor mir, auch für mich noch ein bescheidendes Zimmer zur Verfügung hätten.“ Meine verregneten Haare hängen wild herab, mit meinen dicken Stiefeln habe ich gerade eine Wasserlache auf dem Linoleumboden hinterlassen. Ich wette, ich habe auch ein schwarzes Gesicht. Das ist immer so, wenn ich mir mit nassen Handschuhen an die Nase fasse. Die Männer grinsen. Le Monsieur mustert mich. „Ansonsten müsste ich bei dem wirklich schlimmen Regen nämlich noch einige Kilometer fahren, um zu dieser späten Stunde bei einem anderen Hotel ein Zimmer zu nehmen.“ Große blaue Augen, charmantes Lächeln, melodisches Gesäusel. „Da finden wir schon etwas.“ murmelt er.*** Glücklich stelle ich mich in die Reihe und nehme nach 10 Minuten meinen Zahlencode für die Zimmertür entgegen. Ich hole mein Gepäck, reiße mir die Klamotten vom Leib und lasse mich auf’s Bett fallen. Morgen soll es den ganzen Tag regnen, mal sehen, wo ich die Sonne finden werde.

*** In Hamburg hätte sich der Dialog wie folgt ereignet:
Rezeptionist: Moin.
Ich:Moin.
- Ein Zimmer?
- Jo.
- Hamse reserviert?
- Nä.
- Allein?
- Jo.
- Einmal ausfüll'n bidde.
- ...
- Danke. Frühstück?
- Jo.
- Alln's kloor. Hier is' der Schlüssel. Treppe rauf, dann links.
- Danke.
- Moin.
- Moin.



Abreise aus Florac
Auf dem Felsen waren wir gestern


Das Teufelszeug
In der Prärie




Kirsten, Jimmy und Polly
Selfie

 


Mein Lieblingsbild


Albi

Der Eingang zur Kathedrale






Füße hoch und trocken legen.