Dienstag, 2. Mai 2017

Elektrifiziert: Die ZERO DSR



Am Samstag Morgen schlage ich früh die Augen auf und bewege vorsichtig die Beine. Seit gestern plagen mich mal wieder meine Bandscheiben. Eine wohlbekannte Schwachstelle, die mich verzweifeln lässt, wenn sie sich zeigt. Stundenlang hatte ich im Schaukelstuhl festgesessen, bis ich schließlich auf allen Vieren das Bett erreichen konnte. Meinen heutigen Termin will ich trotzdem wahrnehmen, und da ich am wenigsten Schmerzen habe, wenn ich zuvor lange gelegen habe, sehe ich zu, dass ich die Zeit nutze, bis es wieder schlimmer wird. In Motorrad-Klamotte schleiche ich zur Garage. Als ich meine Maschine rückwärts schiebe, schießt es mir wieder in's Kreuz. Das kann ja heiter werden. Trotzdem: Zähne zusammenbeißen und los. Heute kommen meine beiden mobilen Leidenschaften zusammen. Ich möchte ein ZERO-Motorcycle testen und habe dazu einen Termin bei Tecius & Reimers ausgemacht.

Schon vor einem Jahr habe ich die Elektro-Motorräder auf den Hamburger Motorradtagen entdeckt und wollte sie seitdem immer einmal genauer unter die Lupe nehmen. Inzwischen ist so viel Zeit vergangen, dass sich auch die Bikes noch einmal ordentlich weiter entwickelt haben. Da ich mich inzwischen ein bisschen mit Elektromobilität auskenne, ahne ich, dass meine Verspätung in diesem Genre den Spaßfaktor mächtig erhöhen wird. 

Kurz vor 10 Uhr erreiche ich den Händler, der im Wesentlichen auf asiatische Autos und Zweiräder spezialisiert ist. Nach den Formalitäten betrachten wir das Bike. Eigentlich wollte ich die Straßenmaschine ZERO SR kennenlernen. Doch die wurde kurz zuvor verkauft. Also bleibt für mich die offroadfähige DSR. Der freundliche Verkäufer erklärt mir einige Funktionen, die mir vom TESLA bekannt vorkommen. Das Bike hat 3 Einstellungen. Den Eco-Modus, der die Leistung auf 70% drosselt. Den Custom-Modus, bei dem sich die Parameter über die Smartphone-App einstellen lassen und der Sportmodus, der die volle Nutzleistung von 69 PS (52 kW) und 143 Nm Nutzdrehmoment rauslässt. Ich bin ungeduldig und will endlich los. 1,5 Stunden darf ich fahren und ich weiß. dass ich noch ein Stückchen durch die Stadt muss, bis ich auf die Landstraße komme. Die Autobahn spare ich mir komplett. Die macht in Hamburg derzeit gar keinen Sinn, wenn man auch mal Gas geben will.

Dem Rat des Verkäufers folgend starte ich im Eco-Modus. Eine vorsichtige Drehung am Gashahn, denn man hier vielleicht eher Beschleunigungsgriff nennen sollte, und wir rollen los. Dass kein Schaltvorgang stattfindet, kenne ich ja schon vom Elektroauto und so habe ich auch nicht das Bedürfnis, die Kupplung zu ziehen, sondern genieße den glatten Durchzug. Hinter meinem schwarzen Visier tut sich ein breites Grinsen auf. Das schmale Bike wirkt wie ein Winzling gegen meine VN 900. Es wiegt gute 200 kg, davon entfällt die Hälfte auf den Akku. Der Rahmen ist aus leichtem Flugzeugaluminium gefertigt und mit Kunststoff verkleidet. Dass die Entwickler dieser Motorräder in der Raumfahrttechnik bei der NASA tätig waren, merkt man. ZERO macht keine Umbauaktionem von etablierten Herstellern, sondern Zweiräder, die ausschließlich als Elektrofahrzeuge konzipiert wurden. Der Vorteil: Alles ist auf geringes Gewicht und lange Reichweiten ausgerichtet. Auf dekorativen Schnickschnack wird verzichtet.

Als ich nach einigen Kilometern auf die Landstraße komme, gebe ich Vollgas. Das Bike beschleunigt flott, aber kontrollierbar. Der Wind drückt mir kalt gegen die Brust. Wieder einmal fühle ich mich darin bestätigt, bei meinem Reisemotorrad die Frontscheibe zu haben. Bei 112 km/h ist erst einmal Schluss und ich rolle hinter einer Autokolonne her. Schließlich drehe ich um und schalte bei einem kleinen Stop in den Sport-Modus. Holla, das Maschinchen geht ab wie verrückt.  Mit 140 km/h schließe ich auf die Vorausfahrenden auf. Die Sturmböen peitschen mich hin und her. Ein Reisemotorrad ist das filigrane Gerät sicher nicht, aber mit der begrenzten Reichweite, die mit 230 km pro Akkuladung angegeben ist, sind längere Touren ohnehin nur mit Unterbrechung möglich. Abseits der Landstraße nehme ich ländliche Wirtschaftswege um die Geländegängigkeit zu prüfen. Mein armer Rücken jault auf, doch die Wendigkeit des Sportgerätes macht so viel Laune, dass ich mich auf sandigen Straßen um Schlaglöcher herumwinde.  Im Sportmodus fahre ich zum Händler zurück, nehme einige schnelle Kurven in für mich ungewohnter Schräglage und sprinte sogar an einem Stau vorbei, was ich mit meinem trägen Pony nur im Notfall tue. Der zackige Antritt der ZERO DSR lässt eine sensible Fahrweise zu, die mir sehr viel Selbstvertrauen gibt. Meine VN 900 ist ein kurzbeiniges Schlachtross gegen dieses feingliedrige Vollblut. Ich erkenne mich selbst nicht wieder.

Die Spielerei rächt sich sofort. Am Ende bin ich 41 km gefahren und habe 27% der Akkukapazität verbraucht. Das wären 150 km Reichweite im Sport-Modus. So ähnlich hatte ich das vermutet.

Fazit:

Wie Ihr wisst, bin ich ein absoluter Fan der E-Mobilität. Ich finde es super, dass abseits der Öl-Verbrennung auch alternative Antriebe erforscht und entwickelt werden. Da ich selbst in 2 Startups tätig war und bin, die sich mit neuen Technologien beschäftigen, weiß ich, wie mühsam es ist, Innovation an den Mann zu bringen. In erster Linie kostet das alles sehr viel Geld und der Erfolg leuchtet dem Visionär zwar aus den Augen, dem Kaufmann jedoch zunächst nur rot auf dem Kontoauszug entgegen. Ich habe aber Vertrauen in den Menschen und seine Ingenieurskunst. Als Kind habe ich meine Oma immer aus einer dänischen Telefonzelle angerufen. Mit einem 5-Kronen-Stück konnten wir ein paar Sätze tauschen, bevor das heisere Tuten die bevorstehende Unterbrechung ankündigte. Wie sehr habe ich mir damals ein Bildtelefon gewünscht, über das ich Oma die Steine und Muscheln zeigen konnte, die ich am Nordseestrand gesammelt hatte. Man hat damals über diese Vorstellung gelacht. 20 Jahre später kamen die ersten Smartphones mit Kamera. Heute gibt es Skype, Facetime, WhatsApp und vieles mehr.

Also glaube ich daran, dass wir alles irgendwann erreichen können. Und ich fänd‘ es nicht schlecht, wenn wir Fahrzeuge mit Sonne und Wind antreiben könnten bevor uns das Öl ausgeht. Momentan ist die E-Mobilität noch ein teurer Spaß. Die Besserverdiener können sich die Fahrzeuge leisten. So wie die ersten Mobiltelefone ein Vermögen gekostet haben, sind inzwischen alle Menschen in der Lage, ein solches Gerät zu haben. Und so war es immer im technischen Fortschritt. Auch beim Fernseher und der Waschmaschine.

Wer meint, ein Elektromotorrad mit seiner eigenen Maschine vergleichen zu müssen, wird keine Freude finden. Ein E-Motor gibt niemals das dumpfe Dröhnen des V-Twins von sich. Es wird sich (momentan) auch kaum für Transsibirische Expeditionen eignen. Und 300 km/h bringt es auch nicht auf die Uhr. Entscheidend sind Interesse an und Begeisterung für neue Ideen und Modernität. Auch hierauf bezieht sich die Abenteuerlust. Harley Davidson Sportster, Kawasaki Ninja, BMW GS: Da weiß man, was man hat. ZERO Bike und Kollegen: Was zum Teufel soll das bringen?

Ich liebe mein tapferes Pony und bin mir sicher, dass wir noch viele tolle Reisen gemeinsam meistern werden. Aber für dir morgendliche Rushhour, kurze Touren zum Eismann in Mölln oder einen Trip an die Ostsee ist das kleine Elektrobike eine wirklich coole Alternative. Sind nicht sogar die immer ein bisschen Rebell, die sich von der Masse absetzen wollen?

Ich bin Elektromobilistin.
Ich bin Rebell.



Der enorme Akku bildet das Zentrum des Bikes.

Er hat eine Kapazität von 13kWh und soll eine Reichweite von 230 km bringen.
Das Aufladen dauert 8 Stunden über die Schuko-Steckdose.
Über eine Schnellladefunktion kann  die Ladezeit deutlich reduziert werde.
Das Display zeigt allerlei Spielkram an.
Gesteuert werden die wichtigsten Parameter über die ZERO-App.
Der kleine Motor liegt hinter dem Akku.
Winziger Motor, kaum zu sehen!

Der "Tank" bietet Platz...
... für wichtigen Kleinkram.



Hurra!


Kommentare:

  1. Hallo Polly,
    ich bin ja eher der stille, mitlesende Beobachter deines Blogs. Jetzt aber muss ich dir einen Kommentar hinterlassen:
    Ich finde es absolut klasse, toll, genial (und das meine ich ohne Übertreibung), dass du dich so für Elektromobilität begeisterst. Um es anders zu sagen: Ich finde mich von jemandem verstanden! Es muss für mich nicht bollern, es muss kein Getriebe haben oder nach Sprit stinken. Sonst erfahre ich immer nur negative Reaktionen, wenn ein Gespräch auf dieses Thema kommt...
    Da fällt mir auch ein Erlebnis aus 'deiner' Stadt ein: Mit Freunden für ein paar Fotos in HH unterwegs, waren wir auch im alten Elbtunnel. Als ich gerade (den Tunnel im Rücken) die Aufzüge fotografierte, hupte es hinter mir plötzlich! Nur kurz, aber natürlich laut. Unerwartet. Das Erschrecken war... ähm ... gewaltig *lach*
    In diesem Fall war es ein Taxi, Toyota Prius, das im E-Modus durch den Tunnel geschlichen war und bei 10 km/h auch keine Reifengeräusche von sich gab.
    Und genau das begeistert(e) mich: Die Lautlosigkeit, das Beschleunigungsdrehmoment, die Ressourcenschonung. Ich kann dich sehr gut verstehen, dass du den Fiat fährst, das Motorrad würde mich auch fesseln! Zumal es als Geländevariante meiner bevorzugten Motorradklasse entspricht :-)
    Jetzt kommt mein ABER: Ich fahre mit der Bahn zur Arbeit (60 km). Zusätzlich ein E-Auto, das außer der monatlichen Abzahlung auch noch Batteriemiete kostet, kann ich mir schlichtweg nicht leisten.
    Leider.
    Hast du denn vor, dir die Zero zusätzlich zuzulegen?

    VG
    Volker

    P.S.: Irgendwas ist anders. Die Brille? Die Brille! Ja, genau! Sie steht dir sehr gut :-)

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    1. Hallo Volker,

      vielen Dank für Deine Worte! Auch ich muss meine Ressourcen schonen und kann mir die ZERO erst einmal nicht kaufen. Aber vielleicht wird sie ja in meinem Umfeld angeschafft und ich kann sie dann ab und zu genießen.

      Je mehr ich zu der Thematik recherchiere, desto mehr Gleichgesinnte treffe ich. Die leuchtenden Augen derer sind mir wichtiger, als das Gemotze der Ahnungslosen. Meine Beiträge teile ich aus Überzeugung und Begeisterung und vielleicht macht es einige Menschen so neugierig, dass sie es auch einmal ausprobieren.

      Ich sende Dir liebe Grüße aus Hamburg!

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    2. "Die leuchtenden Augen der Gleichgesinnten sind mir wichtiger als das Gemotze der Ahnungslosen."
      Ein sehr schöner Satz, den ich so gern von dir übernehme. :-)
      VG vom östlichsten Rande des Ruhrpotts
      Volker

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  2. Ich finde mit dem Gewicht, der (inzwischen zu erreichenden) Reichweite und dem E-Faktor kann sich das Mopped sehen lassen. Meine Harley und ihr Peanut-Tank bringen es übrigens auch nur auf 180 km Reichweite (bergab und mit Rückenwind). Danke für den enthusiastischen Bericht, Polly.

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    1. Hallo Sonja,
      leider lässt sich die ZERO noch nicht so schnell tanken, wie Deine Harley. Das Schnellladegerät kostet noch einmal ordentlich Geld. Aber auch das wird sich mit Sicherheit noch ändern. Die ersten ZEROS schafften 80 Kilometer (also eher 60). Es geht immer weiter......
      Viele Grüße aus dem Norden!

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  3. Ja sehr schön. Polly fährt Enduro. Hier in R habe ich auch schon eine Zero fahren sehen. Im knalligen Orange. Fand ich super das Teil.

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    1. Hehe, die Vorstellung gefällt Dir wohl, dass ich mal mit Dir im Dreck spiele, lieber Tom.
      Joooaaaa. Ein bisschen näher bin ich dem Thema gekommen, als ich mit der DSR über den Feldweg holperte. Ich verspreche: Sollte ich mir so ein Gerät mal zulegen, werde ich für einen Waldspaziergang nach R kommen :-)

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    2. Hehe, die Vorstellung gefällt Dir wohl, dass ich mal mit Dir im Dreck spiele, lieber Tom.
      Joooaaaa. Ein bisschen näher bin ich dem Thema gekommen, als ich mit der DSR über den Feldweg holperte. Ich verspreche: Sollte ich mir so ein Gerät mal zulegen, werde ich für einen Waldspaziergang nach R kommen :-)

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  4. Das ist ein Angebot, dass man(n) nicht ablehnen kann.
    Als ich letzte Woche mehr oder weniger an Hamburg vorbei gekommen bin dachte ich mir schon. Mal sehen evtl kreuzt die Polly den Weg. Mit mehr Zeit wäre ich in HH stehen geblieben. P.S. Auf einer der vielen Fähren am Heimweg war ein rote Harley mit HH-Kennzeichen an Board. Kennst du ihn evtl. Seine Begleitung war eine BMW.

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    1. Ach oh nein... Es gibt sooooo viele rote Harleys in HH. U d sooooo viele BMWs. Die Wahrscheinlichkeit ist gering.
      Als ich deinen Bericht las, war ich schon etwas geknickt, dass du nicht angehalten hattest.

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    2. Das nächste mal. Versprochen. Es hat aber soooo gepisst!

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