Dienstag, 2. August 2016

Kilometer 15.862 - 15.899 - Pilgrim

An wechselhaften Tagen drehe ich meine Hausrunde in der Gegend in der ich früher immer reiten gegangen bin. Damals hatten wir Bezeichnungen für unterschiedlich lange Ausritte, so war die „Siegfriedrunde“ eher ein abendlicher Spaziergang zu Fuß, die „Tangstedter“ ein kühler Waldweg, die Kiesgrube etwas für Muskeln und Gleichgewicht und „Wittmoorrunde“ oder „Duvenstedter Brook“ schon mehrstündige Touren in den Hamburger Wäldern und Naturschutzgebieten. Manchmal bin ich auch zu meiner Freundin nach Hummelsbüttel geritten, doch das war dann ein Tagespensum, das mein altes Pferd nur noch schaffte, wenn es in Hochform war. Oft bin ich abgestiegen und wir sind einfach schweigend nebeneinander her gewandert. Und wenn es Areté zu langweilig wurde, stieg ich wieder auf und wir legten einen kleinen Galopp ein. Gern hätte ich mal einen richtig langen Wanderritt gemacht, doch diese schwierige Araberstute war nicht sehr anpassungsfähig und quittierte jede Veränderung sofort mit Nervosität und Gewichtsverlust. Das war schon im Alltag eine Herausforderung.
 
An all die langen Sommerabende, Ausritte im Schnee und das wiederkehrende Entzücken, wenn die ersten Frühlingsknospen sich zeigten, denke ich, als ich nach den vielen Regenschauern am Vormittag endlich meine PJV besteige und durch Hamburgs grünen Norden trabe. Mein Sonntagsprogramm war eigentlich ein anderes gewesen. Mit dem Motorrad wollte ich nach Schleswig fahren und die Wikingertage besuchen. Angabengemäß handelt es sich um Europas größtes Wikingerfestival und ich hatte Lust auf eine Mischung aus Spektakel, altem Handwerk, Musik und einem Kaffee. Nun ja, es sollte nicht sein und daher finde ich mich schließlich im Duvenstedter Eiscafé wieder, wo ich immer anhalte, wenn ich auf der Ecke bin. Ich lehne mich zurück und betrachte das Treiben auf der Terrasse. Eine fröhliche Familie unterhält sich lebhaft, ein verliebtes Paar teilt sich einen Rieseneisbecher und in einem Strandkorb neben mir sitzen schweigend Mann und Frau. Sie liest in einer Zeitung, er guckt in der Gegend herum. Es werden einige Worte gewechselt, von denen nur die genervte Energie bei mir ankommt. Ich ziehe das Buch aus der Tasche, das mir gestern beim Shopping in die Hände fiel. Eigentlich war es als Winterlektüre gedacht, doch da mich das Thema in den letzten Wochen immer wieder einholte, kann ich nicht widerstehen und schlage es auf. Es ist ein Buch über den Jakobsweg. Es geht also um das Pilgern auf dem berühmten Weg nach Santiago de Compostela. Inzwischen ist der Camino ja ein recht moderner Pilgerweg, der nach wie vor beschwerlich ist, aber dessen erhöhte Frequentierung in den letzten Jahren eine durchaus gute Infrastruktur mit sich brachte.
 
 
Vor einer Woche, als wir im Weserbergland an einer Pilgerherberge anhielten, diskutierten wir in unserem kleinen Grüppchen darüber, was Menschen veranlasst, den Weg zu Fuß zu meistern. Die Gründe sind sehr unterschiedlich. Manche suchen göttliche Erleuchtung, Heiligsprechung oder eine Eingebung. Manche suchen seelische oder physische Heilung. Manche suchen ein Abenteuer und manche die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Ich war immer sehr interessiert an den Berichten der Pilgerer, aber genauso habe ich auch Bücher von Menschen gelesen, die andere Reisen unternommen haben. Cheryl Strayed ist allein den Pacific Crest Trail gewandert, Rupert Isaacson ist mit seinem autistischen Sohn zu den Rentiernomaden in der Mongolei geritten, Gertrude Bell zog im 19.Jhd. als allein reisende Frau durch Arabien. Nur wer schreibt und veröffentlicht, lässt uns an seinen Erfahrungen teilhaben. Viele viele andere Wanderer behalten ihre Momente für sich.
 
Wer nun denkt, all das Vorhergehende sei die Einführung zu einem Selbstfindungstrip, den werde ich entweder beruhigen oder enttäuschen – je nach Erwartungshaltung. Gefunden habe ich mich längst. Im Februar 2010 um genau zu sein. „Was dann?“ fragt sich der, der noch weiterliest.
 
Manchmal werde ich gefragt, warum ich Motorrad fahre und noch viel öfter fragt man mich, mit welchen Leuten ich zu tun habe. Ein Kollege findet seinen Reiz dabei sich vorzustellen, ich sei bei den Hells Angels. Er denkt auch, ich würde mich jedes Wochenende auf Festivals betrinken. Ich bin mir sicher, jeder Biker, der das jetzt liest und auch nur oberflächlich meine Berichte kennt, lacht jetzt los. So etwas Absurdes kann nur jemand denken, der sich gar nicht auskennt. Andere Leute glauben, ich brauche den Nervenkitzel, rase riskant über die Landstraßen und liebe Adrenalin. Auch das ist es nicht. Und wieder andere finden, ich hätte das Motorrad um bei Sonnenschein besser durch den Stadtverkehr zu kommen und ein bisschen anzugeben. Nichts von dem trifft zu.
 
 
Ich habe meinen Führerschein nun bald ein Jahr. Zu Anfang wollte ich nach endlosen Jahren als Sozia endlich auf eigenen Reifen rollen. Mein eigenes Bike bewegen und meinen Traum leben, mit anderen Chromefetischisten durch die Landschaft zu brummen. Inzwischen ist das Sein mit meinem Bike doch noch anders geworden, als erträumt. Nicht besser, nicht schlechter, einfach anders. Aber am Ende viel mehr ich und viel mehr logisch in der Betrachtung meines bisherigen Seins. Genau genommen waren die letzten 11 Monate eine einzige Pilgerreise. Ich habe Plätze besucht, die ich schon immer mal sehen wollte und neue Orte entdeckt. Menschen sind gekommen und gegangen und haben etwas zurück gelassen. Menschen sind gekommen und noch da, mancher wird bestimmt ewig bleiben. Ich habe Geschichten erlebt und gehört. Viele davon werden verblassen, einige werde ich vergessen, doch die besonders lustigen, heiteren, bewegenden und berührenden Momente werde ich konservieren und als Teil meiner annehmen.
 
Ich habe viele Motorradfahrer getroffen und noch mehr aus der Ferne betrachtet. Die Welt auf zwei Rädern ist so vielseitig, wie die Menschen selbst. Und so unterschiedlich die Persönlichkeiten sind, so unterschiedlich sind die Bikes und deren Nutzung. Der eine liebt Geschwindigkeit und hohe Risiken, der andere treibt Outdoor-Sport auf unwegsamem Gelände. Der nächste erfüllt sich einen Traum in der American-Dream-Factory und wieder ein anderer möchte die Welt sehen. Doch was viele gemeinsam haben, ist die Suche nach Heilung. Sei es der liebevolle Stylist, der sein Costum-Bike meditativ putzt und wartet oder der Weltreisende, der am Ende immer sich selbst findet (wie uns schon Janosch in seinem Buch über den kleinen Bären, den Kleinen Tiger und deren Reise nach Panama lehrte). Die verschiedenen Sportler sind natürlich die, die sich naturgemäß recht viel mit sich selbst beschäftigen und immer wieder ihre Grenzen neu ausloten. Und der Traumerfüller ist meist einer, der seinen Grenzen ungewollt ins Auge blicken musste und nun sein Leben neu betrachtet. Schwer habe ich es mit Neidern, Missgünstigen, Lästermäulern und „Markenfaschisten“, wie ich jene nenne, die nur sich selbst am geilsten finden und wenig offen für anderes sind. Aber auch die nehme ich so wie sie sind, und hoffe, dass sie auf ihrem persönlichen Pilgerweg noch mehr Gelassenheit finden.
 
Gedankenverloren kratze ich die Reste meiner Himbeersauce vom Teller und überlasse den Rest einer kleinen Wespe. Ich zahle, sammle meine Sachen vom Tisch und steige wieder auf meine Petite Jolie Vulcan. Auf dem Eichelhäherkamp durchquere ich das Wittmoor. Vor meinem inneren Auge taucht mein Zauberpferd zwischen den Bäumen auf. Es trägt eine Frau, die mit dem Tier verschmolzen scheint. So wie ich heute mit meinem Motorrad verschmolzen bin. In dem Moment steht mein Entschluss: Ich werde endlich meinen großen Wanderritt machen. Mein tapferes Pony soll mich begleiten und es wird an einen ganz besonderen Ort gehen.
 
 
 
 

Kommentare:

  1. Ja, die Gründe, Motorrad zu fahren, sind ganz unterschiedlich. Ich hatte es damals in meinem ersten Artikel geschrieben, es ist keine Midlife - Krise, oder so etwas. Es ist eine Erweiterung des Horizonts. In mehrerlei Hinsicht. Für mich treffen die ganzen Kategorien, die andere so auftischen, auch nicht zu. Allerdings am meisten gelacht habe ich neulich, als ein Kind, angesichts unserer Gruppe, seine Mutter fragte, was das für Leute seien und sie antwortete "Das sind Punker.".
    Vielleicht ja. Ich muss noch mal drüber nachdenken.

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    1. Haha, ich dachte Punks werden oftmals anhand von Klamotte uns Frisur identifiziert. Mit wem warst du denn unterwegs?
      Interessant ist die auf wikipedia veröffentlichte Herkunft des Begriffes.
      Eins weiß ich: Punk bin ich nicht. Nicht einmal geheim im Herzen... :-)

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    2. Das hatte ich auch gedacht, man erkennt sie an Kleidung und Frisur. Die Frau muss noch andere Ubterscheidungsmerkmale haben.
      Ich war mit einer Gruppe gesetzter Herrschaften in Textil unterwegs. Vom Werkstattbesitzer bis zum Versicherungsabteilungsleiter.

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  2. Wie immer ein Vergnügen, Deinen Blog zu besuchen, Text und Bilder sind die reinste Erholung.... Die Italiener haben einen wunderbaren Begriff für "Biker", der Deiner Beschreibung sehr nahe kommt - Sie nennen die Töffpiloten "Centauri", dem ist -wenn man das Fahren so wie Du - -oder auch ich- begreift - nichts hinzuzufügen. Wünsche einen schönen Tag.

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    1. Schattenmann! Wie schön von dir zu lesen :-)
      Ich denke und hoffe, du wirst einer meiner virtuellen Begleiter sein. Im Sommer 2017 ... ... ...

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  3. Danke, das du für mich meine Gefühle formulieren konntest. Irgendwie habe ich das nie so hinbekommen, wie du jetzt. Ja, ich denke auch das Motorradfahren eine Form des Pilgerns, des zu sich findens, ist. Man trifft interessante Leute, hat Zeit für sich und seine Gedanken. Und doch begegnet man sich immer wieder selber.

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  4. Servus Polly,
    ja die verschiedenen Beweggründe warum man Moped fährt. Sind so verschieden wie die Modelle selbst.
    Pferdlbild Nr2 ist klasse. Da könnte man meinen du reitest gerade in die Wüste.

    Gruss aus R,
    Oggy

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    1. Das ist in der Kiesgrube Tangstedt. Ich liebe das Foto auch. Ein Freund hatte damals eine ganze Serie vom uns geknipst und heutzutage bin ich froh, dass ich diese tollen Erinnerungen habe. :-)

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  5. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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    1. Als ich vor 20+ Jahren das Mopedfahren angefangen hatte, gab es weniger romantisch verklärte als eher wirtschaftliche Gründe (ich hatte gar kein Auto...). Als ich 2009 arbeitslos wurde, wurde der Wiedereinstieg für mich zu einem Aufbruch zu neuen Ufern, ich fing an, bewusster zu fahren und schließlich auch zu reisen. Die Wahrnehmung der Umgebung verändert sich, wird detaillierter. Man lernt neue Leute kennen, andere Sichtweisen. Motorradfahren ist irgendwie ein wenig wie Philosophie-Unterricht, was Du hier ja auch in perfekten Worten wieder gegeben hast.

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    2. Ich habe auch kein Auto mehr und brauchte aufgrund meines sehr kurzen Arbeits-(Fuß-)Weges keins. Und so kaufte ich mir die PJV als Luxus. Nun habe ich 16km Arbeitsweg und fahre die Strecke aufgrund der miserablen Busverbindung täglich mit dem Motorrad. Ich hatte zuerst Angst, dass mir "das Besondere" verloren geht. Aber meine Wochenend-Ausflüge bleiben trotzdem immer das Highlight der Woche.

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  6. An ganz viele verschiedene Dinge musste ich denken, als ich deinen Bericht gelesen habe. Reiten will ich auch unbedingt mal, dass ich mal von einer jungen Frau las, die mit ihrem Pferd regelmäßig nach Schweden gefahren ist und dort durch das Land geritten ist und dabei wild gecampt hat, dass ich das Buch, welches du im Café gelesen hast, auch gelesen habe und mir die Gedanken dazu wieder in den Sinn kamen, an Biker, die voller Häme berichten, was alle anderen Doofes machen nur sie selbst die geilsten und coolsten sind und das 'wahre' Motorradfahren für sich gepachtet haben ...

    Ein sehr schöner Bericht, der zum Reflektieren anregt :-)

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    1. Danke meine liebe Irina!
      Dann konnte ich wohl weitergeben, was mich beschäftigt :-)

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