Montag, 13. Juni 2016

Kilometer 12.810 - 13.055 - Boltenhagen oder am Ende des Tages wird alles gut.


Freitag Nachmittag. Bestes Wetter. Strahlender Sonnenschein, keine 20 Grad. Schon morgens hatte ich mich für die etwas wärmere Klamotte entschieden, nur leider trage ich dann doch die Sommerhandschuhe, die mich heute noch mehrfach in die Bredouille bringen werden. Für das Wochenende habe ich mir Ausfahrtverbot erteilt. Seit Wochen bin ich ständig on the road und meine Wohnung schreit nach Intensiv-Pflege. Och, aber der Freitag ist ja noch nicht ganz Wochenende und somit sei mir eine kleine Feierabendrunde gestattet. Am späten Abend werde ich mit einem Lächeln nach Hause kehren, und die letzten mir verbliebenen Nerven melden Glück. Doch bis dahin werden noch einige Haare ergrauen.
 
Wie üblich ist die A1 gen Norden voller Ostsee-Touristen. Schon vor der Autobahnauffahrt bildet sich ein Stau, doch da ich auf der Landstraße bleiben will, habe ich hiernach freie Fahrt. Mein Ziel soll Boltenhagen sein. Dort war ich noch nie, dort ist Wasser zu sehen und weit ist es auch nicht. Ich werde wohl so 2 Stunden brauchen, vor Ort einen Kaffee trinken und wieder Heim fahren. Dann bin ich gegen 21 Uhr wieder zu Hause. Früher bin ich zu dieser Uhrzeit oft erst aus dem Büro gekommen. So ist der offizielle Stubenarrest vorher noch gar nicht gültig.
 
Vergnügt fahre ich über die Landstraße, passiere Ratzeburg und betrachte die Vorbereitungen für das Eröffnungsspiel der Fußball Europameisterschaft. Egal ob Public Viewing oder BBQ im heimischen Garten - überall werden Holzkohle zum Brennen und Hitzköpfe zum Glühen gebracht. Bald passiere ich die Landesgrenze nach Mecklenburg Vorpommern und cruise wieder einmal durch den einsamen Osten. Da ich mich für den direkten Weg entschieden hatte, folge ich also den Beschilderungen von Dorf zu Dorf und halte öfter an, um auf meinem Telefon die richtige Route zu checken. Und wieso muss ich es schon wieder betonen? Die Straßen sind so schlecht, dass ich mich teilweise mit 40 km/h voran quäle. In ausgestorbenen Dörfern hocken Landwirte in Unterhemden auf Gartenstühlen. Sie glotzen nicht in einen großformatigen Fernseher, sie beglotzen einen Wessi der mit tiefliegendem Chrome-Cruiser über das Kopfsteinpflaster scheppert. Ich habe einfach keine Lust mehr auf diesen Dreck von Buckelpisten. Schon die Drei-See-Fahrt hatten sie mir vermiest und letzte Woche war es auch sehr grenzwertig. Sollte ich mich noch einmal entscheiden, jenseits der ehemaligen Staatsgrenze die Natur genießen zu wollen, würde ich immer auf der Autobahn anreisen und möglichst wenig Strecke auf den Bundesstraßen planen. Niemals mehr werde ich Landstraßen nehmen, die auf Karten in weißer Farbe gezeichnet sind. Als ich mich dann auch noch verfahre, will ich fast aufgeben und umkehren, doch die Rettung läge via Grevesmühlen und von dort scheint es auch nicht mehr weit nach Boltenhagen. Doch selbst die B105 ist eine einzige Flickerei und ich frage mich zwischen Asphaltfetzen und Spurrillen, ob das komische Fahrgefühl vom Fahrbahnbelag kommt, oder ob tatsächlich mein Vorderrad lose ist.
 
Endlich erreiche ich mein Ziel. Boltenhagen ist ein wirklich hübscher Ort und präsentiert sich in dem Glanz, den sich ein Ostseebad mit hohen Besucherzahlen leisten kann. Anstatt leerstehender Häuser in DDR-Romantik finde ich hier kleine gepflegte Ferienhäuser, Pensionen und Restaurants vor. Inzwischen ist es nach 18.30 Uhr und die Läden schließen bereits. Ich kann mich nach meiner dreistündigen Tortur also nicht einmal mit Shopping belohnen. Ich suche ein Plätzchen für mein tapferes Pony und werfe einen Blick über die Dünen. Das Meer! Strandkörbe, Spaziergänger, Möwen... Ich bin im Paradies. Meine Stimmung wechselt schlagartig und ich verliere mich mit meiner Kamera in der Szenerie des weißen Sandstrandes.
 
Inzwischen weiß ich, dass es mit einem Kaffee nicht getan sein wird und suche eine Restaurant-Terrasse abseits der Promenade. Leute starren mich an. Der Kellner kommt mit der Karte, ich wähle, warte, Leute gucken wieder. Der Kellner bringt Besteck und Tee. So erscheint mein Tisch nun auch besetzt. Ich bitte die Nachbarn, auf meine Jacke aufzupassen und gehe in das Lokal um die Toiletten aufzusuchen. Beim Händewaschen werfe ich einen Blick in den Spiegel. Oh mein Gott! Meine linke Gesichtshälfte ist komplett schwarz! Seit einer Stunde laufe ich so rum! Habe sogar Selfies geschossen. Ich wasche mich und kehre nunmehr leicht errötet an meinen Tisch zurück. Meine neuen Sommerhandschuhe haben wohl ihre Spuren hinterlassen, wenn ich mir auf der schweißtreibenden Fahrt unter dem Visier rumwischte. Ich checke die Fotos und lache über meine schwarze Visage.
 
Nach dem ausgesprochen leckeren Essen, bummele ich noch eine Weile durch Boltenhagen und mache mich gegen 21 Uhr auf den Weg zu meinem Motorrad. Während ich meine Klamotten zusammenpacke, nehme ich auf dem selben Parksteifen einen VW Bus wahr. Einen alten dunkelblauen T2, so einen wie ich früher auch gefahren bin. Als ich auf mein tapferes Pony steige fährt er los und ich sehe, dass er aus Hamburg kommt. Am Steuer sitzt ein grauhaariger Hippie, der mir freundlich zulächelt. Ich nicke ihm zu. Auf der Landstraße hole ich ihn ein und bleibe auch auf der Autobahn hinter ihm. Wir überholen so manchen LKW und passieren zwei Baustellen, und mit unseren 110 km/h scheinen wir gleichermaßen ein gemütliches Reisetempo zu mögen. Irgendwann nähern wir uns der Stadt. Das wird auch Zeit. Mit der Dämmerung sind die Temperaturen gefallen und meine Finger sterben langsam in ihrer schwarzen Sommerhülle. Meine Ausfahrt wird in 1.000 Metern sein. Vor dem Hippie fährt ein LKW, den er nicht mehr überholt. Will er etwa auch in Stapelfeld ausfahren? Nein. Er wartet auf mich. 150 Meter vor der Ausfahrt blinke ich rechts, der Bulli bleibt auf der Autobahn und grüßt mich mit dem Warnblinker. Ich schalte kurz auf Fernlicht, um ihm zu zeigen, dass ich sein Zeichen bemerkt habe. Er blinkt links-rechts und ich biege ab. Wie freundlich! Ich bin ganz berührt von dieser Geste.
 
Glück ist, wenn man niemals allein ist.

Am Mechower See...


...wir befinden uns in MeckPom


Endlich Meer!!
 
Nach den Strapazen den Zorn im Wind vergessen.

 







 
Gute Nacht Boltenhagen.



 

Kommentare:

  1. Im Klützer Winkel bin ich auch noch nie gewesen. Ich habe mir die Gegend immer sehr schön vorgestellt. Die Beschreibung der Straßen klingt jetzt irgendwie nicht so...
    Mit der F 105 habe ich ja auch meine Erfahrungen gemacht, damals, als es die Ostseeautobahn noch lange nicht gab. Da quälte sich alles von Schlutup dort gen Osten. Entsprechend bombiert war die Fahrbahn dann auch schon. Da haben sie ja auch damals schon dran rumbasteln müssen. Und wir mussten irgendwo durch die heraufziehende Dunkelheit durch Mecklenburg irren.
    Für eine Feierabendrunde ist das ein ganz manierliches Pensum. Da glaube ich gerne, daß es da beim Kaffee nicht bleiben konnte.
    Du hast einen T2 gehabt? Cool!

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    1. Jaaa. In meiner Jugend haben mein Freund und ich jedes Wochenende im Camper gewohnt und sind an alle deutschen und dänischen Küsten gereist.

      Das erste, was meinem Vater zu Boltenhagen einfiel war : Mensch da waren wir doch 89 mal, direkt nach dem Mauerfall mit Oma. Ach,ich weiß noch wie schlecht die Straßen waren. Ich hatte Angst um mein Auto...

      Mhmmm. Verstehe ich. ...

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  2. Och das sieht aber sehr gemütlich alles aus, aber warum hast Du keines der Selfies mit Kriegsbemalung gezeigt? Darauf habe ich doch nach dem Lesen so sehnsüchtig gewartet :D

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  3. Och Mensch, du, was ein schöner Ausflug - auch wenn es ein paar Strapazen gab. Am Schluss bin ich ganz gerührt und ein Tränchen stiehlt sich in meinen Augenwinkel ... werden wohl die Wechseljahre sein ... hmpfff :-DDD

    BTW, Pulled Pork ... *fett grins* ...

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  4. Wir wollen Selfies sehn, wollen Selfies sehn....trallalaaa.
    :-D

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  5. Danke Polly, diesen Ausflug ans Meer habe ich nach meinem heutigen Arbeitstag gebraucht... Zen pur. Achja, her mit den Selfies.

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    1. Ich habe vor Ort auch sehr an Dich gedacht, liebe Sonja!

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  6. In Boltenhagen war meine Mutter Anno 2004 zur Reha nach ihrer Chemo. Ich hatte bisher noch keine Bilder von dort gesehen. Danke dafür. Ein schönes Fleckchen Erde wie mir scheint. Vielleicht sollte ich doch mal nach McPom fahren.

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    1. Du hast auch definitiv das bessere Moped für diese (Tor)Tour.... ;-)

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    2. rofl ... so hat jedes Möp seine Daseinsberechtigung.

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  7. immer wieder schön deine Bilder zu sehen und deine Berichte zu lesen. Die Karten sind für mich sehr hilfreich als Süddeutscher, somit finde ich mich viel schneller zurecht,gerne mehr davon

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    1. So geht es mir auch immer, wenn ich die Artikel von "Kollegen" lese. Deshalb zeichne ich für Euch immer kurz auf, wo ich mich verirrt habe :-)

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