Sonntag, 12. Juni 2016

Kilometer 12.212 - 12.647 - Wide Wild East

Einsame Highways in scheinbar grenzenloser Weite. Ein seichter Wind zieht lautlos durch die Weizenfelder und die Hitze der Sommersonne flimmert auf dem Asphalt. Zu viert rollen wir durch die Einsamkeit. Drei ganze Kerle und ich cruisen seit Stunden durch die unberührte Natur. Ab und zu kleine Dörfer, die wie Geisterstädte anmuten. Störche, Raubvögel und Wiesen voller Mohn- und Kornblumen. Ich lebe meinen Traum. Und in Wahrheit ist es noch viel schöner als damals erhofft. Damals, als ich mir in einem Schulaufsatz ausmalte, wie ich mit einer Harley Davidson durch Amerika reisen würde.
 
An einem Sonntag bin ich mit Rochie, O. und Mutti unterwegs. Wir sind nicht in Amerika, nicht auf der Route 66. Wir rollen elbaufwärts durch Mecklenburg Vorpommern und Sachsen Anhalt. Durch Schleswig Holstein und Niedersachsen. Ich entdecke immer wieder Neues in unserem Norden und in Europa und will gar nicht mehr in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ich lasse mich auf das ein, was ich habe und was ich erreichen kann.
 
Ich war durchaus schon im Westen der Vereinigten Staaten. Ich war auch in Brasilien und Argentinien. In Mali und keine Ahnung wo überall in Europa. Ich fand es immer toll und kam voller neuer, oftmals traumhafter Eindrücke zurück. Doch heute brauche ich nicht mehr, als das was ich lebe, seit ich mit meinem Motorrad zusammen bin. Fremde Orte entdecken, etwas über die Geschichte und die Kultur herausfinden, Natur genießen und Städte erkunden. Fotografieren und dokumentieren. Konservieren und erinnern. Ich warte nicht mehr wochen-, gar monatelang auf Den Einen Trip. Ich tue es jede Woche.

Wir waren in Lauenburg verabredet und ich bin an der Elbe entlang zum Treffpunkt gefahren. Unterwegs habe ich ein kleines Frühstück in einer Bäckerei eingenommen und mir richtig viel Zeit gelassen. Am Ende komme ich viel zu früh am vermeintlichen Treffpunkt an und hocke mich an meinem kleinen Baum in die heiße Sonne. Irgendwann kommt O. und führt mich noch ein Stück weiter zu dem eigentlichen Parkplatz. Rochie kommt auch dazu und ich freue mich, ihn nun erstmals auch mit seinem Motorrad zu sehen. Leider ist seine liebe Frau nicht mit von der Partie, so dass ich mal wieder nur mit Männern fahre. Mutti kommt deutlich zu spät. Wir hatten uns schon etwas Sorgen gemacht, doch dann rollt er doch um die Ecke. Schließlich können wir starten.
 
An der Elbe entlang geht es über Boizenburg, Dömiz und Wittenberge bis zur Hansestadt Werben. Kurz danach nehmen wir die Seilfähre und fahren durch das Wendland und die Lüneburger Heide zurück nach Lüneburg. Streckenweise sind die Straßenverhältnisse so miserabel, wie ich es schon bei meiner Drei-Seen-Fahrt in Mecklenburg erleben musste. Rochie prescht voran, doch ich habe Angst um meine PJV, so dass ich etwas Fahrt rausnehme. Ab Arendsee wird es dann wieder besser. Die tiefstehende Sonne strahlt uns entgegen und wir rollen entspannt hintereinander her. Alles sieht wunderschön aus. Als ich meine Actioncam am Helm befestige, stelle ich fest, dass meine Micro-SD-Karte nicht im Apparat steckt. Schade, ich hätte diese Momente gern mit Euch geteilt. Kurz hinter Lüneburg lassen wir O. zurück. Bald danach biegt Mutti schon in Richtung Lübeck ab und Rochie und ich fahren noch bis zum Autobahnkreuz Maschen zusammen. Hier winke ich ihm eine Gute Heimfahrt und passiere die Elbbrücken um in meine Hansestadt zurück zu kehren.
 
Am Ende des Tages bin ich 430 km gefahren. Und so unspektakulär mein heutiger Bericht erscheint, es war einer meiner schönsten Motorradtage hier in Deutschland. Und den will ich nicht weiter zerreden. Nur schweigen und genießen. Es stimmte einfach alles - vor allem die Begleitung.

Kleines Hamburger Frühstück
mit Franzbrötchen
 

Der Elbe-Lübeck-Kanal in Lauenburg

 
Warten auf Mutti
 
Na endlich!
 
Wer hat den Größten... ... Plan?
 
Im Panoramacafé in Dömitz
Das Fischrestaurant war leider komplett überfüllt.
 
 
Hier schon über die Elbe, oder noch ein Stück weiter? "Weiter!!!" ruft Polly
 
 


 
 
 
 


Die schönste PJV zwischen drei GJV!!



Kommentare:

  1. Sehr harmonisch geschrieben. Der beste Satz ist jedoch bestimmt auch falsch. Aber nur deshalb, weil am Ende " kann " steht.
    Ich lasse mich auf das ein, was ich habe und was ich erreichen kann.
    Du wirst , da bin ich mir sicher, immer ein wenig mehr können.
    Grüße Inbus

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  2. Mensch, Polly, was hattet Ihr für großartiges Fahrwetter! Bei uns ist das ganze Wochenende schon Unwetterwarnung und alle paar Minuten wechseln sich Sonne und Regen ab. Es nervt, dauernd wird man nass.

    Du hast Recht, man muss die Strecken vor der Tür genießen. Wenn man immer den nächsten großen Tripp herbei sehnt, versäumt man (Frau) das Leben dazwischen. Allerdings vermisse ich doch schon mal the great wide open... ;-)

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    1. Du kommst doch auch von dort, oder? Da hat die Sehnsucht noch eine ganz andere Kraft. Wir haben seit Wochen einen schönen Frühsommer. Ab und zu Gewitter, aber insgesamt kann man nicht klagen. :-)

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  3. Boah, Franz-Brötchen ... Gibt es eigentlich eine Versicherung, die für vollgesabberte Tastaturen aufkommt? :-)

    Das stelle ich auch immer wieder fest, die schönsten Flecken liegen quasi vor der Haustüre und es ist vertane Zeit, auf den großen Trip zu warten. Wenn man dann noch so tolle Biker-Kumpels hat, wie du, dann ist der Tag doch geritzt.

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    1. Ich habe das Glück zu der Generation Hamburgs zu gehören, in der man als Kleinkind noch auf Franzbrötchen kauen durfte, anstatt auf zuckerfreien, laktosearmen, glutenentzogenen und fettfreien Buchweizenkeksen. Entsprechend liebe ich sie auch heute noch. :-)

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    2. Jaa, Franzbrötchen! Die gab es bei meiner Großmutter immer Sonntags. Dann allerdings auf dem Toaster aufgebacken. Und mit Butter...

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  4. Komm doch mal in Oberbayern vorbei. Ich zeige dir dann wunderbare Nebenstrecken ohne viele Steigungen. Nur viele Kurven und noch mehr Natur.

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    1. Leider habe ich diesen Sommer keinen Urlaub.... Ansonsten klingt es reizvoll..... Noch schöner wäre es, wenn es Meer gäbe. Und Fisch.... Und Schiffe..... Aber ich würde es vielleicht auch mal so wagen....

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    2. Dafür haben wir den Bodensee...das schwäbische Meer...;)

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    3. Da will ich in der Tat mal hin!!! :-)

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  5. War ein wirklich schöner Tag, an dem Petra uns gerne begleitet hätte..., beim nächsten Mal. Ich weiß ja mittlerweile, was das PJV bedeutet. Aber für was steht den GJV?
    Liebe Grüße, Rochie

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    1. PJV = Petite Jolie Vulcan
      GJV = Grande Jolie Vulcan
      Kchihiii :-D

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    2. Ok...,nette Umschreibung

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  6. Sehr harmonisch geschrieben. Bester Satz "Ich lasse mich auf das ein, was ich habe und was ich erreichen kann"
    Grüße Inbus

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    1. Oh Herr Inbus! Schön von Ihnen zu lesen :-)
      Liebe Grüße!!

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  7. Was für eine schöne Gegend das ist. Ein Stück Eurer Tour bin ich ja im letzten Sommer in der anderen Richtung gefahren. Inklusive mal über die Dömitzer Brücke. In Werben war ich allerdings nicht gewesen, dafür aber in Havelberg.
    Arendsee war damals, als wir im Wendland waren, noch unerreichbar. Wir haben ein paar Kilometer Luftlinie davon entfernt gestanden und konnten nicht rüber. In Wustrow hatten wir damals unser Hotel gehabt, in dem wir die beiden Wochen im Wendland übernachtet hatten. Du liebe Güte, ist das alles lange her. Diesen Monat werden es siebenundzwanzig Jahre...

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