Sonntag, 11. Juni 2017

Pollysophie - Don't cry




How strange it is to ride the night / Hidden in black on a mystical flight / Creatures in trees are touching my soul / In the moonlight

How beautiful to ride under stars / Dreaming of love between Venus & Mars / Perfumes of flowers are teasing my way / Between nightjars

How good it feels to reach the sky / Above the dark I lightly fly / Peacefully protected in angel's wings / Don't cry

PV 06/2017

Dienstag, 2. Mai 2017

Elektrifiziert: Die ZERO DSR



Am Samstag Morgen schlage ich früh die Augen auf und bewege vorsichtig die Beine. Seit gestern plagen mich mal wieder meine Bandscheiben. Eine wohlbekannte Schwachstelle, die mich verzweifeln lässt, wenn sie sich zeigt. Stundenlang hatte ich im Schaukelstuhl festgesessen, bis ich schließlich auf allen Vieren das Bett erreichen konnte. Meinen heutigen Termin will ich trotzdem wahrnehmen, und da ich am wenigsten Schmerzen habe, wenn ich zuvor lange gelegen habe, sehe ich zu, dass ich die Zeit nutze, bis es wieder schlimmer wird. In Motorrad-Klamotte schleiche ich zur Garage. Als ich meine Maschine rückwärts schiebe, schießt es mir wieder in's Kreuz. Das kann ja heiter werden. Trotzdem: Zähne zusammenbeißen und los. Heute kommen meine beiden mobilen Leidenschaften zusammen. Ich möchte ein ZERO-Motorcycle testen und habe dazu einen Termin bei Tecius & Reimers ausgemacht.

Schon vor einem Jahr habe ich die Elektro-Motorräder auf den Hamburger Motorradtagen entdeckt und wollte sie seitdem immer einmal genauer unter die Lupe nehmen. Inzwischen ist so viel Zeit vergangen, dass sich auch die Bikes noch einmal ordentlich weiter entwickelt haben. Da ich mich inzwischen ein bisschen mit Elektromobilität auskenne, ahne ich, dass meine Verspätung in diesem Genre den Spaßfaktor mächtig erhöhen wird. 

Kurz vor 10 Uhr erreiche ich den Händler, der im Wesentlichen auf asiatische Autos und Zweiräder spezialisiert ist. Nach den Formalitäten betrachten wir das Bike. Eigentlich wollte ich die Straßenmaschine ZERO SR kennenlernen. Doch die wurde kurz zuvor verkauft. Also bleibt für mich die offroadfähige DSR. Der freundliche Verkäufer erklärt mir einige Funktionen, die mir vom TESLA bekannt vorkommen. Das Bike hat 3 Einstellungen. Den Eco-Modus, der die Leistung auf 70% drosselt. Den Custom-Modus, bei dem sich die Parameter über die Smartphone-App einstellen lassen und der Sportmodus, der die volle Nutzleistung von 69 PS (52 kW) und 143 Nm Nutzdrehmoment rauslässt. Ich bin ungeduldig und will endlich los. 1,5 Stunden darf ich fahren und ich weiß. dass ich noch ein Stückchen durch die Stadt muss, bis ich auf die Landstraße komme. Die Autobahn spare ich mir komplett. Die macht in Hamburg derzeit gar keinen Sinn, wenn man auch mal Gas geben will.

Dem Rat des Verkäufers folgend starte ich im Eco-Modus. Eine vorsichtige Drehung am Gashahn, denn man hier vielleicht eher Beschleunigungsgriff nennen sollte, und wir rollen los. Dass kein Schaltvorgang stattfindet, kenne ich ja schon vom Elektroauto und so habe ich auch nicht das Bedürfnis, die Kupplung zu ziehen, sondern genieße den glatten Durchzug. Hinter meinem schwarzen Visier tut sich ein breites Grinsen auf. Das schmale Bike wirkt wie ein Winzling gegen meine VN 900. Es wiegt gute 200 kg, davon entfällt die Hälfte auf den Akku. Der Rahmen ist aus leichtem Flugzeugaluminium gefertigt und mit Kunststoff verkleidet. Dass die Entwickler dieser Motorräder in der Raumfahrttechnik bei der NASA tätig waren, merkt man. ZERO macht keine Umbauaktionem von etablierten Herstellern, sondern Zweiräder, die ausschließlich als Elektrofahrzeuge konzipiert wurden. Der Vorteil: Alles ist auf geringes Gewicht und lange Reichweiten ausgerichtet. Auf dekorativen Schnickschnack wird verzichtet.

Als ich nach einigen Kilometern auf die Landstraße komme, gebe ich Vollgas. Das Bike beschleunigt flott, aber kontrollierbar. Der Wind drückt mir kalt gegen die Brust. Wieder einmal fühle ich mich darin bestätigt, bei meinem Reisemotorrad die Frontscheibe zu haben. Bei 112 km/h ist erst einmal Schluss und ich rolle hinter einer Autokolonne her. Schließlich drehe ich um und schalte bei einem kleinen Stop in den Sport-Modus. Holla, das Maschinchen geht ab wie verrückt.  Mit 140 km/h schließe ich auf die Vorausfahrenden auf. Die Sturmböen peitschen mich hin und her. Ein Reisemotorrad ist das filigrane Gerät sicher nicht, aber mit der begrenzten Reichweite, die mit 230 km pro Akkuladung angegeben ist, sind längere Touren ohnehin nur mit Unterbrechung möglich. Abseits der Landstraße nehme ich ländliche Wirtschaftswege um die Geländegängigkeit zu prüfen. Mein armer Rücken jault auf, doch die Wendigkeit des Sportgerätes macht so viel Laune, dass ich mich auf sandigen Straßen um Schlaglöcher herumwinde.  Im Sportmodus fahre ich zum Händler zurück, nehme einige schnelle Kurven in für mich ungewohnter Schräglage und sprinte sogar an einem Stau vorbei, was ich mit meinem trägen Pony nur im Notfall tue. Der zackige Antritt der ZERO DSR lässt eine sensible Fahrweise zu, die mir sehr viel Selbstvertrauen gibt. Meine VN 900 ist ein kurzbeiniges Schlachtross gegen dieses feingliedrige Vollblut. Ich erkenne mich selbst nicht wieder.

Die Spielerei rächt sich sofort. Am Ende bin ich 41 km gefahren und habe 27% der Akkukapazität verbraucht. Das wären 150 km Reichweite im Sport-Modus. So ähnlich hatte ich das vermutet.

Fazit:

Wie Ihr wisst, bin ich ein absoluter Fan der E-Mobilität. Ich finde es super, dass abseits der Öl-Verbrennung auch alternative Antriebe erforscht und entwickelt werden. Da ich selbst in 2 Startups tätig war und bin, die sich mit neuen Technologien beschäftigen, weiß ich, wie mühsam es ist, Innovation an den Mann zu bringen. In erster Linie kostet das alles sehr viel Geld und der Erfolg leuchtet dem Visionär zwar aus den Augen, dem Kaufmann jedoch zunächst nur rot auf dem Kontoauszug entgegen. Ich habe aber Vertrauen in den Menschen und seine Ingenieurskunst. Als Kind habe ich meine Oma immer aus einer dänischen Telefonzelle angerufen. Mit einem 5-Kronen-Stück konnten wir ein paar Sätze tauschen, bevor das heisere Tuten die bevorstehende Unterbrechung ankündigte. Wie sehr habe ich mir damals ein Bildtelefon gewünscht, über das ich Oma die Steine und Muscheln zeigen konnte, die ich am Nordseestrand gesammelt hatte. Man hat damals über diese Vorstellung gelacht. 20 Jahre später kamen die ersten Smartphones mit Kamera. Heute gibt es Skype, Facetime, WhatsApp und vieles mehr.

Also glaube ich daran, dass wir alles irgendwann erreichen können. Und ich fänd‘ es nicht schlecht, wenn wir Fahrzeuge mit Sonne und Wind antreiben könnten bevor uns das Öl ausgeht. Momentan ist die E-Mobilität noch ein teurer Spaß. Die Besserverdiener können sich die Fahrzeuge leisten. So wie die ersten Mobiltelefone ein Vermögen gekostet haben, sind inzwischen alle Menschen in der Lage, ein solches Gerät zu haben. Und so war es immer im technischen Fortschritt. Auch beim Fernseher und der Waschmaschine.

Wer meint, ein Elektromotorrad mit seiner eigenen Maschine vergleichen zu müssen, wird keine Freude finden. Ein E-Motor gibt niemals das dumpfe Dröhnen des V-Twins von sich. Es wird sich (momentan) auch kaum für Transsibirische Expeditionen eignen. Und 300 km/h bringt es auch nicht auf die Uhr. Entscheidend sind Interesse an und Begeisterung für neue Ideen und Modernität. Auch hierauf bezieht sich die Abenteuerlust. Harley Davidson Sportster, Kawasaki Ninja, BMW GS: Da weiß man, was man hat. ZERO Bike und Kollegen: Was zum Teufel soll das bringen?

Ich liebe mein tapferes Pony und bin mir sicher, dass wir noch viele tolle Reisen gemeinsam meistern werden. Aber für die morgendliche Rushhour, kurze Touren zum Eismann in Mölln oder einen Trip an die Ostsee ist das kleine Elektrobike eine wirklich coole Alternative. Sind nicht sogar die immer ein bisschen Rebell, die sich von der Masse absetzen wollen?

Ich bin Elektromobilistin.
Ich bin Rebell.



Der enorme Akku bildet das Zentrum des Bikes.

Er hat eine Kapazität von 13kWh und soll eine Reichweite von 230 km bringen.
Das Aufladen dauert 8 Stunden über die Schuko-Steckdose.
Über eine Schnellladefunktion kann  die Ladezeit deutlich reduziert werde.
Das Display zeigt allerlei Spielkram an.
Gesteuert werden die wichtigsten Parameter über die ZERO-App.
Der kleine Motor liegt hinter dem Akku.
Winziger Motor, kaum zu sehen!

Der "Tank" bietet Platz...
... für wichtigen Kleinkram.



Hurra!



Montag, 24. April 2017

one year blues

When I found my muse in the silent spring
life was full of  blues and a hell of swing
love all night
it's all right

Love came fast in the summer sun
and we made it last for the chosen one
and the heat
made the beat

Birds came by on their long way home
and we said goodbye to some dreams we've done
rock'n'roll
killed my soul

Well the winter's long and the spring not near
and my baby's gone and my biggest fear
is to lose
the blues

Never lose
the blues

PV 05/2017

Montag, 17. April 2017

Die Elektromobilistin




Ich bin Elektromobilistin!

Das klingt wie Frauenrechtlerin. Oder Greenpeace-Aktivistin. Eine Vollblut-Idealistin. Die Haare zum zerzausten Zopf gebunden, Statement-T-Shirt, kämpferisch blitzende Augen. An mir selbst entdecke ich diese Seite gerade neu. Während ich sonst eher diskret peacig durch‘ s Leben groove und alles meide, was mich in seine Schubladen einlädt, ertappe ich mich in Begleitung meines E-500 immer wieder dabei, mit erhobenem Zeigefinger für die Integration der Stromer zu monologisieren. Da hat schon so mancher Ignorant meine zornige Predigt zu den Parkverbotsschildern über sich ergehen lassen. Keine Macht den Parksündern! Das schweigende Staunen des Betroffenen zeigt mir rückblickend, dass er gar nicht wusste wie ihm geschah. Bestimmt kam er mit seiner REWE-Tüte zu Hause an und berichtete seiner ungläubigen Frau von der Furie, die ihn bei der Rückkehr zu seinem Auto angesprungen ist. Neulich schrieb mir meine Schwester eine Textnachricht: Den Typen im Mercedes brauchst Du nicht anschnauzen, der hat schon ein Knöllchen vom Schutzmann bekommen. Meine Antwort: Ich bin erst in 2 Stunden zu Hause. Ihre Antwort: Ok. Hoffentlich ist dann was frei. Ihre Hoffnung bezieht sich nicht auf meine Parkplatzprobleme. Sie sorgt sich mehr um die armen Mitmenschen, die noch nicht wissen, dass man seine stinkende Karre vor öffentlichen Ladesäulen nicht parken darf. Auch nicht 2 Stunden. Gar nicht.  In Hamburgs Innenstadt werden entsprechend markierte Flächen geräumt. Oh welch Genugtuung ich empfand, als ich im Adventsgeschäft zusehen durfte, wie ein Verbrenner aus der fälschlich genutzten Lücke auf den Abschlepper gehoben wurde. Da warte ich gern ein paar Minuten, um meinen Schatz auf eben jenen Parkplatz zu lenken und per Kabel an die Zapfsäule für Kilowattstunden zu hängen. Biebiebiebiep biebiebiebiep. Das erlösende Signal, das mir bestätigt, dass der Ladevorgang begonnen hat. Ich atme aus. Die Becker-Faust balle ich noch häufiger an diesem Nachmittag. Volle Gönnung, triumphiere ich immer wieder, und gehe mir irgendwann selbst auf die Nerven. Das sind so Züge, die ich an anderen Menschen eigentlich weniger sympathisch finde.

Große Freude im Weihnachtstrubel.
Kurz warten und dann auf den E-Parkplatz schlüpfen.
Wie kommt es zu dieser Veränderung? Es ist die Verzweiflung, die das tut. Stellen wir uns vor, wir fahren mit einem großen Allradfahrzeug durch die Taiga. Unsere Kraftstoffreserven gehen dem Ende entgegen und wir sehnen die Tankstelle herbei, die auf unserer Karte als Einzige weit und breit eingezeichnet ist. Endlich erscheint sie am Horizont. Erleichterung. Hier können wir unseren Tank und all die Kanister füllen, die wir brauchen, um vor Einbruch der kalten Nacht an unser Ziel in der nächsten Stadt zu gelangen. Als wir ankommen,  ist der Zapfhahn verriegelt. Am Shop hängt ein Schild „Tanken nicht möglich. Keine Ahnung wann.“ Wir müssen also warten. Oder zu Fuß gehen. Fahren jedenfalls nicht.

Ähnlich geht es mir. Obwohl ich den Luxus genieße, in Sichtweite meiner Wohnung eine Ladestation für Elektroautos zu haben. Sie liegt, logistisch sinnvoll, vor einem Supermarkt, einer Sparkasse und einem Pizzaservice. Direkt neben den großflächigen Plätzen für behinderte Verkehrsteilnehmer. Der große Kundenparkplatz liegt ca. 20 Meter hinter dem Haupteingang. Daher ist es bequem, sich einfach auf die Sonderflächen zu stellen. Behindertenplätze zuzuparken ist moralisch verwerflich, also sind die Elektro-Parkplätze die erste Wahl. Kommt dann ein Fahrer eines Elektroautos – und davon gibt es auf meiner Ecke immerhin 4 Stück zzgl. Durchreisender – stößt dieser sich regelrecht die Nase. Ich kalkuliere. Für 15 Kilometer Arbeitsweg brauche ich im Stadtverkehr 21% meiner Akkukapazität. Meine Anzeige bestätigt viertelvoll. Das kann knapp werden. Vor allem im morgendlichen Stop and Go kann der Verbrauch durch das häufige Anfahren enorm steigen. Ich muss dringend den Akku aufladen. Also warte ich in der Hoffnung, dass jemand zu seinem Auto kommt. Ich warte bald 30 Minuten im Hamburger Winter. Die nächsten Ladesäulen sind mehrere Bushaltestellen entfernt. Neben der Tatsache, dass ich eine Fahrkarte kaufen müsste, würde auch die Reise ihre Zeit dauern, bis ich endlich in meiner kuscheligen Wohnung wäre. Endlich erscheint ein Falschparker und ich drücke ihm einen Flyer in die Hand, aus dem er ableiten könnte, warum meine Kontaktaufnahme ausgesprochen frostig ausfällt. Ich melde mich an der Ladestation an und stecke das Kabel ein. "Biebiebiebiep biebiebiebiep". Die Rettung.

Ich bin Elektromobilistin und strotze diesen Widrigkeiten. Die Freude am fast lautlose Fahren und das Gefühl Teil der Zukunft zu sein, übersteigt jeglichen Frust über Ahnungslose und Spielverderber. Das von mir gefahrene Modell ist 5 Jahre alt. Ein Dinosaurier in der Evolution der Stromer. Seit vielen Jahren spricht die Industrie über Elektroautos, doch die Entwicklung verlief bislang schleppend. Ich fahre mit dem Wissen, dass ich fast von Anfang an dabei war und in dem Glauben, dass der Durchbruch kürzlich geschehen ist. Der Markt wird sich rasant entwickeln. Da bin ich mir sicher.

Aufklärung statt Abschleppen.
Einige Ordnungshüter verteilen zum Knöllchen (noch) Flyer.
Und um ehrlich zu sein, gibt es auch viele freudige Momente an den Ladesäulen zu erleben. Immer wieder werde ich von Passanten angesprochen, Interessanterweise sind es insbesondere ältere Menschen und hier viele Damen, die sich für die Neuerungen interessieren. Diese Art der Kommunikation schätze ich natürlich mehr, als die zornige Missionierung. Und auch wenn ich noch so sehr in Zeitnot bin - ich nehme mir immer einen Moment, um mit den Neugierigen zu sprechen. 

Ich bin Elektomobilistin!

Hier für Alle: So parken Sie richtig!






Sonntag, 12. Februar 2017

Vagabunden

 
Ich starre in den kalten Himmel. Weiße Wolkenfetzen durchbrechen das strahlende Blau an diesem milden Nachmittag im Herbst. „Siehst Du sie?“, fragt O. Ich nicke. „Da über diesem Dach da.“ setzt er nach und zeigt weit in die Ferne. Ich nicke wieder. Sehe gar nichts. Nur die üblichen schwarzen Punkte, die von den Trübungen meines Glaskörpers herrühren. O. hatte beim Eisessen in Bleckede gemeint, dass auf der anderen Elbseite die Wildgänse zu sehen wären. So setzten wir mit der Fähre über und erreichten Neu Bleckede. Doch hier waren die Zugvögel noch nicht angekommen und so schlenderten wir mit unseren Cruisern durch die Niedersächsische Elbtalaue. Die Straßenränder stehen voller Apfel- und Birnenbäume und von Zeit zu Zeit sah ich Menschen, die das Obst in ihre mitgebrachten Körbe ernteten. Unweigerlich hatte ich den Duft von frisch gekochtem Apfelkompott in der Nase. Dieser süßliche Genuss mit etwas Vanille oder Zimt. Schließlich stoppte O. am Straßenrand und auch wir versuchten, einige Früchte zu erreichen. Doch die kleinen Äpfel schmeckten so sauer, dass sie nicht zum spontanen Verzehr geeignet waren. Gerade wollten wir weiter fahren, da entdeckte O. die Zugvögel in der Ferne. 
 
Wir halten inne und warten. Ich lausche. Meine Ohren sind besser, als meine Augen und tatsächlich: Nach ein, zwei Minuten Geduld höre ich das charakteristische Rufen der Tiere im Flug. Die Laute sind mir so sehr vertraut. Die in Hamburg lebenden Grau- und Kanadagänse verlassen im Winter kaum noch die Stadt. Im Gegenteil: Oft scheint es mir, als kämen weitere Tiere dazu. In meinem Stadtteil gibt es eine recht große begrünte Verkehrsinsel, auf der die Vögel im Winter sogar unter den Kastanien im Schnee hocken. Ich finde das so niedlich, dass ich Ihnen stundenlang zusehen kann. Als Wassersportlerin liefen mir immer wieder Schauer über den Rücken, wenn kleine Gruppen von Graugänsen dem Alsterlauf folgten und schnatternd über meinen Kopf hinweg flogen. Höre ich Gänse, fühle ich mich heimisch. Und melancholisch.
 
Nach der ersten Gruppe beobachten wir noch die Routen zweier weiterer Formationen am Himmel und stellen uns Fragen, die auch Kinder stellen.  Woher wissen die, wohin sie fliegen müssen? Woher weiß die vordere Gans, dass die Hinteren müde sind? Fliegt eine Frau vorn oder ein Mann? Warum fliegen zwei Gänse abseits der Gruppe? 


Endlich ziehen auch wir weiter und als mein tapferes Pony in einen leichten Trab fällt, erspähe ich einen weiteren großen Vogel. Wieder stoppen wir unsere Bikes und identifizieren zwei Seeadler, die am Himmel ihre Kreise ziehen. Mit offenem Mund lege ich den Kopf in den Nacken und träume davon, die Flügel auszubreiten und in die Stille des Himmels aufzusteigen.

Unsere als kurze Kaffee-Runde geplante Tour wird zum  herbstlichen Naturschauspiel. Ich rolle gedankenverloren hinter O. her und habe gar keine Lust mehr, schnell über die Landstraße zu fahren. Als wir bei Darchau die Elbe ein zweites Mal überqueren, fängt es an zu nieseln. Die Mitreisenden lassen bewundernde Ausrufe verlauten, die an die Szenerie eines Feuerwerks erinnern. Ich drehe mich um und sehe einen strahlenden Regenbogen. Wir klappern über die Rampe der Fähre, biegen nach rechts in einen Feldweg ein und baden im Farbenrausch. Meine Oma würde sagen: Am Ende des Regenbogens liegt das Glück oder ein Eimer voll Gold. Gold habe ich nicht gefunden, aber das Glück war ganz sicher dort.


Montag, 31. Oktober 2016

Polly's Neuer

In den letzten Wochen ist der Herbst eingezogen und mit der Dunkelheit kommen auch die besinnlichen Abendstunden mit gutem Essen und unterhaltsamer Literatur in mein Haus. Die Euphorie für zweirädrige Aktivitäten zeigt Zurückhaltung. Die PJV wartet in der Garage geduldig auf trockene Tage, die eine Ausfahrt durch das leuchtende Herbstlaub erlauben. Der Weg zur Arbeit machte in den letzten Tagen immer weniger Spaß und wird mit zunehmend schlechter Sicht stets gefährlicher.

So wurde es in den vergangenen Wochen buchstäblich still um Pollys Reisen. Der eine oder andere Leser wird vergeblich nach Neuigkeiten geschaut haben, doch die wahrhaft geräuschlosen Abenteuer müssen erst einmal in Worte gefasst und auf Bilder gebracht werden.

Mein neuer Begleiter ist ein stiller Hellhäuptiger, der sich, von der alternden Oberfläche einmal abgesehen, als wahrer Schatz und große Bereicherung meines Lebens entpuppt. Er muckt und bockt von Zeit zu Zeit, doch wenn man sich auf ihn einlässt und sein Inneres versteht, will man nichts anderes mehr. "Bringt der es denn? Wie lange kann so ein Oldie denn?" fragen die Kritiker unserer frischen Beziehung. Und ja, zugegebenermaßen schwächelt er ab und zu in seiner fragilen Potenz. Doch das Herz schlägt treu und mein Pioniergeist und meine Abenteuerlust laufen hochtourig. Binnen kürzester Zeit habe ich eine wahre Zuneigung für diesen treuen Zeitgenossen entwickelt und möchte ihn nicht mehr hergeben. Er macht regelrecht süchtig. 

Meinen Neuen lernte ich auf Umwegen kennen. Zunächst einmal hatte ich Kontakt zu seinem jüngeren Bruder, einem "emovum E-500"-Cabrio in Elfenbeinfarben mit beigem Dach. Von außen betrachtet wirkt dieses rundliche Fahrzeug winzig. Doch der Innenraum bietet für Fahrer und Beifahrer genügend Platz. Meine Kollegin wies mich in die Besonderheiten des umgebauten Fiat 500 ein und schließlich startete ich den Motor, indem ich den Zündschlüssel einfach auf "an" drehte. Das Zünden entfiel. Ich wollte auch nichts verbrennen. Ich fuhr elektrisch. Schaltung auf "D", Handbremse lösen und schon rollte der kleine Flitzer voran. Anstatt, wie erwartet, irgendwie "brruummm" zu machen, machte er.... nichts sozusagen. Er machte "wwwwww" beim Beschleunigen. Er machte knatschende Reifengeräusche beim Lenken auf Asphalt. Und vor allem machte er ein Lächeln auf mein Gesicht. 

Nach der Schulungsfahrt durch unser Gewerbegebiet stieg meine Beifahrerin aus dem Auto und ich begab mich auf meinen Heimweg. Wir glitten durch den Hamburger Stadtverkehr. Auf Empfehlung hielt ich den "City-Modus" eingeschaltet. Der beschränkt die Leistung des Elektromotors auf maximal 30 kW und drosselt damit einerseits die Beschleunigung und andererseits die Höchstgeschwindigkeit auf 80 km/h. Hierdurch soll die Reichweite des Akkus verbessert werden. An der Ampel betrachtete ich die Digitalanzeige in der Armatur. Nach nur wenigen Hundert Metern hatte sich die Akku-Kapazität von 100% auf 98,3% verringert. Die Prozentpunkte fielen bedrohlich schnell. Ich hoffte, dass ich es nach Hause schaffen würde. Das Gaspedal betätigte ich so sensibel, als würde ich ein befruchtetes Ei unter meinem großen Zeh beschützen. Gemächlich, aber stetig erhöhte sich die Geschwindigkeit. Das Gefühl, man würde nicht voran kommen, trog. Es fand einfach keine auditive Orientierung statt, da im Gegensatz zum Verbrennermotor keine Drehzahl hör- und spürbar ist. Ebenso entfällt der manuelle oder automatische Schaltvorgang am Getriebe. Nach 15 Kilometern kam ich zu Hause an. Mein Akku zeigte eine Kapazität von 76,9% an. Das macht ein Verbrauch von 23,1% im freitäglichen Stadtverkehr. Ob ich damit wohl über das Wochenende kommen sollte? Vorsichtshalber hatte ich die RFID-Ladekarte von The New Motion meiner Kollegin eingesteckt. Hierüber erfolgt die Identifizierung und die Abrechnung an den verschiedenen Ladestationen in der Stadt und das sollte mir ermöglichen, energiegeladen durch die nächsten Tage zu kommen.

Jede Fahrt war ein wenig aufregend. Am Samstag fuhr ich mit meinem neuen Freund in die Hafencity und fand über die App "Chargemap" eine Ladesäule von Stromnetz Hamburg. Der Vorteil: Die Parkplätze für Elektrofahrzeuge sind mit Glück nicht belegt. So steuerte ich direkt die entsprechenden Koordinaten an und fand in dem von Touristen überfüllten Überseequartier eine angemessene Parklücke für den platzsparenden E-500. Mit einem wichtigen Gesicht und gespielter Routine machte ich mich unter den Blicken neugieriger Passanten an der Ladesäule zu schaffen. Nachdem ich mich per Ladekarte erfolgreich eingeloggt hatte, gab die Säule die Steckdosen frei. Ich steckte den Schuko-Stecker in die entsprechende Klappe und den sogenannten Typ2-Anschluss in die Nase meines Autos. Diediediediep-diediediediep machte es. Hurra, es funktionierte! Ohne mir den Triumph anmerken zu lassen, schnappte ich  mir lässig meine Handtasche und flanierte durch Hamburgs neuesten Stadtteil. Wenn hier noch keine Modernität angekommen wäre, wo denn dann?

So bin ich also Fahrerin eines Elektromobils geworden. Welche Höhen und Tiefen ich mit meinem Testfahrzeug durchlebe und warum ich mich schließlich für den alternden aber treuen Kandidaten entschieden habe, das erfahrt Ihr in den nächsten Wochen hier in meiner Serie "Polly reist elektrisch".


Donnerstag, 15. September 2016

Kilometer 19.476 – 20.354 - Harz Ballade 4. Kapitel

Fun ohne Ende

„Du hast vor gar nichts Angst!“ lästert O. als wir am Fuße des Wurmbergs den Rest des Frühstück-Kuchens verputzen. „Wenn Du so die Piste runter jagst, wirst Du auch Dein Kurventhema bald abgehakt haben!“ Ich grinse. „Du hättest Dir sonst was aufgerissen, wenn Du gestürzt wärst!“ setzt er in väterlich tadelndem Tonfall nach. Ich grinse noch mehr. „Das hat voll Spaß gemacht.“ „Ja. Das war unverkennbar!“ O. hat diese Art des Klugscheißens, der ich nicht böse sein kann, weil sie keine Besserwisserei ist, sondern seine Art zu zeigen, dass er sich Gedanken um einen macht. Heute Morgen war ich aber kurz davor, aus dieser Fürsorge auszubrechen. Mister Kurvenjunkie hatte um 6h zum Morgenappell gerufen. Kaffee, Frühstück, anziehen. Mein Windshield sollte noch gesenkt werden, dann 8:13 Uhr Abfahrt zum Training mit neuer Lenkereinstellung. 13 Minuten hinter dem Zeitplan. Oh je! Bis 9:30 Uhr fuhren wir bergauf, bergab und links und rechts. Ich fühlte mich wie im Boot-Camp. Alle 15 Minuten Manöverkritik und neue Trainingstipps vom Drill-Instructor. Ich hielt mich wacker. Zwar blieb ich wieder ab und zu zurück, aber insgesamt fühlte ich mich viel sicherer als am Vortag. Irgendwann beschloss ich, dass es jetzt reiche und fuhr demonstrativ wieder in meiner Komfortzone. Das Wochenende war bis jetzt sehr intensiv und musste erst einmal verarbeitet werden.

Punkt viertel vor zehn standen wir an der Talstation der Wurmbergbahn und hielten jeder einen Monsterroller in der Hand. Mit diesen spezialbereiften Zweirädern kann man auf vorgegebenen Pisten den Berg hinunter fahren und als ich bei unserem ersten Harzbesuch davon hörte, war mir klar, dass ich das ausprobieren möchte. Nun erholen wir uns von der rund 30-minütigen Abfahrt und lachen über das Erlebnis und den mit Sicherheit eintretenden Muskelkater. Irgendwie muss man das öfter machen. Ich hatte ganz vergessen, wie albern man wird, wenn man ein wenig Fun-Sport betreibt. Das befreit den Kopf und erleichtert das Herz.



 













Vergnügt fahren wir zurück zur Ferienwohnung und beladen schweren Herzens unsere Motorräder. Wir werden noch einige kurvenreiche Strecken nehmen, an einem See einen Mittagsschlaf halten und da O. kein Ende finden wird und schließlich doch auf seinen eigenen Zeitplan pfeift, werden wir auch noch einmal die Torfhaus-Route fahren, um uns vom Brocken zu verabschieden. Wir werden die Autobahn nach Braunschweig nehmen, wie auf dem Hinweg in Meine einen Kaffee trinken, bei Uelzen in den Sonnenuntergang blicken und schließlich in Melbek voneinander Abschied nehmen. Die Heimreise fühlt sich an, als wenn unsere Harz-Geschichte zurück gespult würde. Am Montagmorgen werde ich körperlich müde, aber mental komplett erholt aus dem Bett kriechen, meine schmutzige Motorradjeans aus dem Wäschehaufen vor meinem Bett ziehen und auf mein tapferes Pony klettern. Mein Chef wird mich fragen, wie mein Wochenende war. Ich werde berichten und an seinen leuchtenden Augen sehen: Es war fantastisch!

 

Kilometer 19.476 – 20.354 - Harz Ballade 3. Kapitel

Barbarossa

Es ist Abend geworden am Brocken. Mit uns kommen unzählige erschöpfte Motorradfahrer in Braunlage zu ihren Unterkünften. Im Supermarkt kaufen wir Frühstück für Sonntag und während ich die Einkäufe verstaue, holt O. sein Werkzeug hervor. Den ganzen Nachmittag war er in Gedanken bei meiner Kurventechnik. Er verstand nicht, warum ich die Kehren so souverän nehme, während mich auf den langen Kurven immer der Mut verlässt. Das Thema beschäftigte ihn so sehr, dass er es in jeder Pause wieder aufnahm. Ich tat dann die These auf, dass ich mit einer Straßenmaschine vielleicht gelenkiger wäre. Er schüttelt den Kopf. So ein Quatsch, das könne nicht sein. „Doch!“ sagte ich, „Ich habe auch immer wieder den Impuls, die Hände tiefer halten zu wollen. Dynamischer zu sitzen.“ Ohne lange zu reden wird jetzt vor Edeka also mein Lenker tiefer gedreht und anstatt direkt nach Hause zu fahren wird noch eine Proberunde um die Stadt gefahren. Spontan fühle ich, dass mein tapferes Pony schneller kippt, was die engen Kurven noch leichter macht. Wie es sich sonst auswirkt, werde ich morgen erfahren. Im Moment bin ich nur müde von dem langen Tag. Ich sehne mich nach einer Dusche und einem Teller Nudeln. Außerdem tut mein Bein weh und ich konnte noch nicht untersuchen, was passiert war, als ich auf dem Schotterparkplatz meine PJV zu Boden legte. Beim Ausparken rutschte sie mir nach rechts weg, so dass ich sie nur noch vorsichtig auf dem Sturzbügel abstellen konnte. Dennoch krallte sich das tapfere Pony oberhalb meines linken Stiefels fest. Dank eines freundlichen und starken Mannes, der direkt neben mir stand, zog ich auch das Bike sofort wieder in die aufrechte Position und konnte ohne Stress starten. Eigentlich hätte ich ihm noch romantisch ein parfümiertes Taschentuch zuwerfen müssen. Den beißenden Schmerz spürte ich erst nach einigen Minuten.
 
Nach einer langen Dusche nebst erholsamer Pause in der Ferienwohnung sitzen wir auf der Terrasse eines Restaurants und plaudern über den Tag. Für die Besichtigung des Kyffhäuser Denkmals hatten wir uns Zeit genommen. Als mir einfiel, dass Kaiser Friedrich Barbarossa jener Mann war, der für die Entwicklung Hamburgs eine wichtige Rolle spielte, war ich natürlich erfreut, diese imposante Skulptur am Felsen zu sehen. Die Geschichte schreibt, dass Adolf III. aus dem Geschlecht der Schaumburger im Jahre 1188 die Hamburger Neustadt gründete. Hamburg hatte einen direkten Handelsweg zur Nordsee, verfügte aber zudem über den kürzesten Landweg nach Lübeck, der wichtigsten Handelsstadt im Ostseeraum. Marktrecht, Grundeigentum, Zollfreiheit und das Nutzungsrecht für das umliegende Marschland waren attraktive Privilegien, die Adolf III. der Hamburger Neustadt einräumte. Das war ihm aber nicht genug, und deshalb nutzte er den guten Kontakt zu Kaiser Friedrich Barbarossa, mit dem er zusammen gegen Heinrich den Löwen gekämpft hatte. Die Verbindung brachte ihm unter anderem diverse Handelsrechte, die Befreiung von Zöllen und das Recht auf Fischfang, Weidenutzung und Holzschlag in Hamburgs Umgebung ein. Damit hatte die neue Stadt die besten Bedingungen für den wirtschaftlichen Aufschwung und die Entwicklung zur Handelsmacht. Da Kaiser Friedrich Barbarossa direkt in den Krieg ziehen musste, wurden die Privilegien nicht notiert und beurkundet. So ergab es sich im Jahre 1265, dass Erzbischof Hildebold zum Schutze seiner bedeutenden Handelsstadt Stade bestimmen wollte, dass Ware auf dem Weg nach Hamburg verzollt werden müsse. Aus ihrer Not heraus fälschten die Hamburger Ratsherren die Urkunde des Barbarossa und setzten damit ihre Rechte durch. Einige Quellen beschreiben sogar die These, dass es das vorausgegangene Gespräch zwischen Adolf III. und dem Kaiser nie gegeben hätte. Sei es Großzügigkeit des Barbarossa oder die Kreativität der Ratsherren, als stolze Hamburgerin dankte dem Bartträger auf seinem Felsen.





 
















Um die Mittagszeit waren wir den Berg wieder hinab gestiegen und sind kreuz und quer durch den Harz gefahren. Kurz gefasst: Es hat einen Heidenspaß gemacht. Obwohl die Cafés und Restaurants mit Motorradfahrern überfüllt waren, fanden wir immer wieder ganz einsame Etappen. Der Harz hat sein Image als Erholungsgebiet für rüstige Rentner definitiv abgelegt. Das Sportangebot ist breit gefächert und ich selbst habe große Lust, noch einige Aktivitäten auszuprobieren. Gleich morgen soll es soweit sein. Der Abend klingt auch heute auf der kleinen Terrasse am Haus „Antje" aus. O. hat sogar irgendwo eine Kerze aufgetrieben und so trinken wir Wein und schauen in das Feuer. Die fehlenden Freunde in der Heimat senden Nachrichten und fragen nach unserem Wohlergehen. Uns geht es gut.

 

Kilometer 19.476 – 20.354 - Harz Ballade 2. Kapitel

Kyffhäuser

 
Es ist 6 Uhr, als ich O.‘s Stimme im Garten höre. Es riecht nach Kaffee und Dusche und ich frage mich, wie lange er wohl schon wach ist. Gestern saßen wir noch bis nach Mitternacht, plauderten und planten die heutige Tour. Um 8 Uhr wollen wir im Dorf frühstücken und dann zum Kyffhäusergebirge fahren, welches sich südöstlich des Harzes befindet. Der Berg wurde mir als kleine Herausforderung beschrieben, die schon so manches Nordlicht ins Schwitzen gebracht hat. Viele Kehren und Serpentinen und als Lohn das Kyffhäuserdenkmal mit seinen 247 Stufen.
 
Ich bin gespannt und motiviert. O. hat eine Tour von insgesamt 250 Kilometern ausgesucht und ich denke, dass dies in der kurvenreichen Gegend eine tagesfüllende Distanz ist. So stehen wir in gewohnter Pünktlichkeit um fünf Minuten vor 8 Uhr im Frühstückscafé und während wir unser „Süßes Feen-Frühstück“ einnehmen, beobachten wir Wanderer und Mountain-Biker, die sich für ihre Ausflüge bereit machen.


Vor der Bäckerei erscheint ein junger Mann, Typ Biologe. Er befestigt die Leine eines Windhund-Mischlings an seinem Rucksack und stellt diesen vor dem Schaufenster ab. Das hagere Tier wartet still und geduldig vor dem Laden. Es strahlt Ruhe aus und wirkt gleichzeitig sensibel und aufmerksam. Als der Mann mit seinen Einkäufen nach draußen kommt, hockt er sich hin, zeigt jedes Stück seinem Hund und legt es erst dann in den Rucksack, welchen er sorgfältig verschließt und auf seinen Rücken hebt. Anschließend streicht er dem Freund über die Schnauze, wischt ihm etwas Schmutz aus dem Auge und geht schweigend seines Weges. Das Tier läuft neben ihm, die Leine hängt locker zwischen den beiden Gefährten und macht den Eindruck, als sei sie nur pro forma angelegt. Die Verbindung der beiden ist unsichtbar aber eindeutig spürbar. Ich bekomme eine Gänsehaut und denke an mein Pferd.

Von der Terrasse aus sehen wir mehrere Grüppchen Motorräder über die Hauptstraße rollen. Wir ändern den Plan und beschließen, auf direktem Wege nach Kelbra zu fahren und möglichst früh am Kyffhäuser zu sein. Wir zahlen, steigen auf die Cruiser und während ich hinter O. her trabe, mache ich mir Sorgen, dass ich den ganzen Tag von Motor-Sportlern bedrängt werden würde. Da ich auf der Straße wenig offensiv und eher immer viel zu rücksichtsvoll bin, lasse ich mich von schnelleren Fahrern einschüchtern. Kleben die hinter mir und ich habe das Gefühl, sie zu behindern, kann ich mich nicht entspannen.
 
Meine Gedanken verfliegen bald im Nichts der endlosen Weite. Dunkelgrüne Berghänge rahmen die Spätsommerfelder der Harzer Bauern ein. Es duftet nach trockener Erde und staubigem Heu. Kein Haus, kein Mensch sind zu sehen. Warum von der Route 66 träumen, wenn wir die Schönheit Montanas in Sachsen Anhalt genießen können. Auch das Niveau an politischer Bildung ist dem der amerikanischen Landbevölkerung nicht unähnlich. Anyway, it’s a beautiful day. Auf der schnurgeraden Landstraße lasse ich mich zurückfallen und schmunzle über den Anblick meines Freundes, der in seiner typischen Haltung bald 200 Meter vor mir fährt. Der breite, tief angesetzte Lenker lässt O. in seiner Militär-Jacke breitschultrig erscheinen. Die dünnen Beine stecken in einer dunklen Jeans und umschließen den beachtlichen Motor des Großen Schwarzen. Die Fersen ruhen weit vorn auf den Trittbrettern, wobei die Spitzen der Biker-Boots immer leicht nach außen gedreht sind. Im Nacken schauen graue Haarsträhnen unter dem Helm hervor. Ein Relikt aus den Jahren, in denen Littbarski und Brehme als stylish durchgingen. Alles an O. ist irgendwie 80er. Während ich in dieser Epoche 10-jährig auf Nena abfuhr, hatte er schon tausende Motorrad-Kilometer auf dem Tacho und dachte an Familienplanung. Ich frage mich, ob ich vielleicht in den 90er Jahren hängen geblieben sei. Wenn ich mich heute so anschaue ja. Denn schon in der Schule gehörten Lederhose, schwarzes T-shirt und DocMartens zu meiner Standard-Klamotte. Allerdings war ich damit zwar cool aber nicht hip. Nach der ereignisreichen Saison habe ich heute langsam Lust, mich „normal“ und modisch zu kleiden. Seit Monaten trage ich meine Büro-Outfits während der Arbeitszeit und meine unförmigen Motorrad-Klamotten zu allen anderen Anlässen. Seit Januar habe ich 9 Kilogramm Gewicht verloren und entsprechend hängen meine Hosen mir wie Säcke am Gürtel.

Plötzlich sehe ich das Kyffhäuser-Denkmal auf seiner Bergkuppe thronen. Es ist 10 Uhr und die Sonne hängt blass in der diesigen Luft. Wieder finde ich keinen Ort zum Halten. Für die Fotografie nehme ich mir deutlich mehr Zeit, wenn ich allein bin. Da drehe ich auch manchmal um oder gehe einige hundert Meter zu Fuß, um ein gutes Bild einzufangen. Jetzt schließe ich nur dichter auf und folge O. durch Kelbra. Der Berg erwartet uns und ich habe richtig Lust auf den Aufstieg. Wir lassen einen Parkplatz mit Imbiss rechts liegen und fahren in die ersten kleinen Kurven. Hier komme ich überraschend gut klar. Enge Schleifen in moderatem Tempo liegen mir deutlich besser, als die langgezogenen schnellen Kurven auf der Landstraße. Zwei Baustellen mit Ampelschaltung bremsen den Verkehr auf der Serpentine. Noch immer ist es ziemlich leer auf der Straße. Ich halte gut mit und nach nur wenigen Minuten erreichen wir den Parkplatz zum Denkmal. Schade, ich hätte noch länger durch die Straßen schaukeln können. Ich frage mich, was an dieser Strecke aufregend sein soll. Ich fand sie schlicht schön.
 



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Kilometer 19.476 – 20.354 - Harz Ballade 1. Kapitel

Sinn und Sein

 Blau und Orange leuchtet der Himmel in Komplementärfarben. Wir stehen am Sonntagabend an einer Tankstelle irgendwo auf der Bundesstraße 4 bei Uelzen. Hinter uns liegt ein Wochenende, das sich wie ein ausgeprägter Urlaub anfühlt. Gestern Abend scheint Tage her zu sein. „Teilst Du es mit mir?“ höre ich O.‘s Stimme. Er sieht mir an, dass ich mich in der Schönheit des Augenblicks verloren habe. „Wieso suchen wir Menschen ständig nach bizarrer Unterhaltung, wenn uns die Natur diese tollen Bilder schenkt?“ O. lächelt. Die körperliche Erschöpfung lässt mich pollysophisch werden. „Zieh Deinen Pulli an, Dir wird kalt.“ Die letzten Sonnenstrahlen begleiten uns durch Niedersachen.
 
Nur 49 Stunden zuvor waren wir in Braunlage angekommen. Nach meiner ersten kurzen Tour durch den Harz wollte ich unbedingt noch einmal hierher und hatte für das erste Septemberwochenende das Dream-Team zusammengetrommelt. Eigentlich sollten wir zu viert sein, dann kamen Krankheit und andere Hindernisse, so dass ich mich am Ende mit O. allein in Melbek traf und wir uns Richtung Mittelgebirge schoben. Die vorausgegangenen Ereignisse waren ermüdend gewesen und ich war froh, dass wir nun endlich ins Rollen gekommen waren. O., im Sternzeichen Jungfrau geboren, ist ein Pedant bei der Einhaltung seiner eigenen Zeitpläne. Das sollte ich in den folgenden Tagen noch öfter zu spüren bekommen. Gleich legte er ein ehrgeiziges Tempo vor und lenkte die VN 2000 ambitioniert durch den dichten Feierabendverkehr der Landbevölkerung. Doch mit dem Großen Schwarzen, dessen Maschine mehr als doppelt so groß ist, wie die der PJV, kann mein tapferes Pony nicht mithalten. Das gemeinsame Cruisen fand dort sein Ende, wo ich im Überholvorgang einfach verhungerte. Während O. im kurzen Sprint 2, 3 manchmal 4 Autos auf einen Schlag überholte, schaffte ich 1, maximal 2 Vehikel bevor ich mich wieder einreihen musste. Der Antritt meiner VN 900 ist bei 48 PS einfach zu gemächlich und so ließ ich den 100 PS starken Schwarzen ziehen um mich auf einen mir angemessenen Rhythmus zu konzentrieren.
 
Wir erreichten Braunschweig und Bad Harzburg und stiegen schließlich die gut ausgebaute Straße in Richtung Torfhaus hinauf. Rechts von mir senkte sich die Sonne zwischen den hageren Birken. Ich wollte anhalten und die Szenerie fotografieren, doch ich fand keinen geeigneten Platz für einen schnellen Stop. Am Besucherzentrum des Nationalparks hielten wir kurz und schauten auf den Brocken. Ich atmete aus. Nun konnte unser neues Harz-Adventure beginnen.
 



 




Auf der B4 senkt sich die Nacht herab. O. leuchtet uns den Weg, ich folge ihm. Wie immer denke ich darüber nach, was ich aus diesem Wochenende zu berichten habe und wieder kommen mir die Zweifel, ob der Blog noch das richtige Instrument für mein Motorrad-Tagebuch ist. Was als Reisebericht begann, wurde zu einem Hobby, das mich auf vielen Ebenen sehr bereichert. Auf einer Seite stehen die vielen reizenden Bekanntschaften, die ich geschlossen habe. Auf der anderen Seite steht das Schreiben, das schon immer meine Leidenschaft war. Und wie sagte ich einmal: Ich blogge, um zu unterhalten. Doch momentan stehe ich an einem Punkt, an dem ich meine Texte hinterfrage. Schreibe ich wirklich noch frei? Schreibe ich interessant? Mit Sicherheit haben sich meine Berichte weiter entwickelt und zu den Reisen gesellen sich immer mal wieder private Gedanken. Doch wie fühlt es sich für den Leser an, wenn ich unterhaltsame Themen aus meinem Leben weglasse, weil ich mich nicht bereit fühle, einen weiteren Blick in mein Inneres zuzulassen? Sind meine Erlebnisse auf der PJV auch ohne diese intimen Momente eine Bereicherung für die Leser? Oder ist es nichts Halbes und nichts Ganzes?
 
Vermutlich sind viele Unterhaltungs-Blogger, die sich nicht an Produkte oder Haushaltsthemen binden, irgendwann an diesem Punkt. Unser Ziel ist ja nicht, die Welt mit wissenschaftlichen Abhandlungen zu Wimperntusche, Kameralinsen und Schmerztherapie zu bereichern. Meine Berichte sind auch keine Reiseführer, die man aufblättert, um die Hotspots der Motorrad-Welt zu finden. Meine Texte sind ein Begleiter in der U-Bahn, eine Verkürzung der Wartezeit beim Arzt oder ein Lächeln vor dem Einschlafen. Gehört dazu nicht auch eine gewisse Rockstar-Mentalität? Besitze ich die? Seit ich meine Augen benutzen konnte, habe ich Bücher verschlungen. Während meine ältere Schwester in der ersten Klasse fleißig die ersten Geschichten zu „Fu und Fula“ lernte, habe ich mir anhand ihrer Schreibhefte das Lesen gleich selbst beigebracht und es genossen, die vielen Bücher zu verstehen, die sich in unserem Haushalt befanden. Das Lesen hat mich so glücklich gemacht, dass schon in der Kindheit der Wunsch entstand, einmal ein eigenes Buch zu schreiben, um diese Freude weiter zu geben. Damals gab es aber noch kein Internet, kein Social Media und keine Flut von Blogs über alles Erdenkliche. Macht das, was ich tue so eigentlich Sinn? Die Sinnfrage begleitet uns Menschen seit unserer Entstehung. Deswegen haben wir uns Stories von Adam und Eva, Allah und dem Großen Geist ausgedacht und der Dalai Lama glaubt zu wissen, der Sinn des Lebens sei, glücklich zu sein. Im ZEN-Buddhismus geht es darum, zu sein um zu sein. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Denn die Besonderheit steckt wohl darin, dass man nicht ist, um irgendwelche Erwartungen zu erfüllen, um Leistung zu bringen, um andere glücklich zu machen. Man ist auch nicht, weil man gebraucht wird, jemand an einem festhält oder man gefallen will. Man ist, des Seins wegen. Da hinterfrage ich mich gleich doppelt.
 
Als wir am Freitagabend nach Bezug der Ferienwohnung und einem schnellen Essen in der „Zauberwelt“ auf der Terrasse unseres Hauses „Antje“ saßen, lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück und blickte in den Nachthimmel. Das Licht am Haus blieb erloschen solange sich niemand bewegte. Eine Kerze gab es nicht. Ich verlor meine sorgenvollen Gedanken des Nachmittags in der Dunkelheit und mich selbst in den Sternen und in dem heilsamen Schweigen zweier Komplizen. Die Stille hüllte uns ein, wie ein übergroßer Mantel der Geborgenheit. Das bedingungslose Sein war plötzlich spürbar. Es sollte ein wundervolles Wochenende folgen.